Ivan Illich und die Selbstbegrenzung

Irgendwann in den kommenden Jahren beabsichtige ich, einen Nachruf auf das industrielle Zeitalter zu schreiben. Ich möchte den Umfang der Mutationen zeigen, die Sprache, Recht Mythen und Riten dieser Epoche beeinflusst haben, in der Massen-Menschen für Massen-Produkte geschult wurden. Ich möchte ein Bild vom Niedergang der industriellen Produktionsweise und von der Metamorphose der durch sie hervorgebrachten Berufe und Dienstleistungen nachzeichnen. Ivan Illich (1973)

Als Ivan Illich dies schrieb, war er 47 Jahre alt und hatte offenbar die Erwartung, das Ende der Industriegesellschaft noch zu erleben. Warum erscheint uns das heute so absurd? Während der Arbeit an seinem Buch „Tools for Conviviality“ stand Illich unter dem Eindruck prägnanter Ereignisse, die auf umwälzende gesellschaftliche Veränderungen hindeuteten. 1972 war der erste Meadows-Bericht an den Club of Rome erschienen, nach dessen Erkenntnissen ein weiteres industrielles Wachstum ausgeschlossen schien. Parallel dazu hatten die Studentenbewegungen in der gesamten westlichen Welt einen umfassenden Moral- und Wertewandel angeschoben, und die damit verbundene Kapitalismuskritik schien unversöhnlich. Heute wissen wir: die 68er haben sich recht schnell mit dem System arrangiert, und die Apokalypse, die der Meadows-Bericht prophezeite, blieb aus. Doch so, wie die „Selbstheilungskräfte“ der Industriegesellschaft zu dieser Zeit unterschätzt wurden, so werden sie heute größtenteils überschätzt. Die Probleme, vor denen die Menschheit steht, lassen Ivan Illichs Gedankengut so aktuell wie nie zuvor erscheinen. il

 Ivan Illich (* 4. September 1926 in Wien; † 2. Dezember 2002 in Bremen) war ein österreichisch-amerikanischer Autor, Philosoph, Theologe und katholischer Priester. Nach seiner Priesterweihe war Illich im Vatikan tätig. 1960 gründete er das Südamerika-Institut Centro Intercultural de Documentación in Cuernavaca, Mexiko. Wegen seiner radikalen Ansichten fiel er bei der katholischen Kirche in Ungnade. Nach einem Konflikt mit dem Papst legte Illich seine Priesterschaft nieder.

Illich gehörte – gemeinsam mit André Gorz, Jochen Steffen und Ernst Ulrich von Weizsäcker – zum Beraterkreis des damaligen Magazins Technologie und Politik und war Gastprofessor in Kassel, Marburg, Oldenburg und in Bremen.
(Quelle: Wikipedia)

Die deutsche Ausgabe von „Tools for Conviviality“ erschien 1974 bei Rowohlt unter dem Titel „Selbstbegrenzung. Eine politische Kritik der Technik“ [i]. Nach den Worten des Autors ist es der Versuch, das Konzept eines „multidimensionalen Gleichgewichts des menschlichen Lebens“ zu entwerfen. Um dieses Gleichgewicht zu erhalten, dürfen gewisse Schwellen und Schranken nicht überschritten werden.

Es ist erforderlich, diese Skalen und Schwellen zu erkennen und damit den Rahmen abzustecken, innerhalb dessen der Mensch in seinem Tun überleben kann. … Während das Wachstum des Apparates über die kritischen Schwellen hinaus immer mehr reglementierte Uniformierung, Abhängigkeit, Ausbeutung und Ohnmacht produziert, würde die Wahrung der Grenzen eine freie Entfaltung der Autonomie und der Kreativität des Menschen garantieren. (S.11)

Auf der Suche nach diesen Grenzen erklärt Illich die Notwendigkeit, das Erstrebenswerte oder das Gute zu definieren. Eine Aufgabe, deren Unabdingbarkeit auch heute wieder erkannt wird, will man Szenarien einer zukunftsfähigen Gesellschaft formulieren. Selbst die Bundeskanzlerin sprach in ihrer letzten Regierungserklärung von den „Quellen des guten Lebens“. Hätte man Ivan Illich und seine Zeitgenossen besser studiert, müsste man diese Quellen allerdings nicht mit schwammigen Begriffen wie Freiheit, Gerechtigkeit, Stabilität usw. beschreiben, sondern könnte sagen, worauf es konkret ankommt. Nämlich als erstes zu erkennen, welches Haupthindernis einem guten Leben im Wege steht:

Eine Gesellschaft, die das Gute als maximale Befriedigung der größtmöglichen Zahl von Menschen durch den größtmöglichen Konsum industrieller Güter und Dienstleistungen definiert, kann nicht umhin, die Autonomie der Person in unerträglicher Weise zu verletzen. [Dies ist nur zu überwinden,] indem das Gute definiert wird als die Fähigkeit eines jeden, das Bild seiner eigenen Zukunft zu entwerfen. … Ein solches politisches Unternehmen, das die Dimensionen der materiellen Produktivkräfte … beschränkt, um die für jede Person wesentlichen Freiheitswerte zu verteidigen, sieht nicht nur auf langfristiges Überleben der Gemeinschaft und auf gerechte Verteilung von Produkten, sondern ebenso auf eine gerechte Bestimmung des Raumes, in dem sich die schöpferische Autonomie entfalten kann. (S.35ff.)

Illich kommt es sehr darauf an, dass in einer lebensgerechten (wie er es nennt: „konvivialen“) Gesellschaft nicht nur Ansprüche auf eine gerechte Verteilung der gesellschaftlichen Produkte (outputs) bestehen, sondern ebenso auf inputs in das System. Die Vernachlässigung dieses Anspruchs, der Gesellschaft etwas geben zu können, betrachtet Illich als wesentliche Ursache für die Unfähigkeit der zeitgenössischen Ethik, den Gerechtigkeitsbegriff zu erfassen. In der 1973er Originalfassung beschreibt er diesen Aspekt als das »Verhältnis zwischen distributiver und partizipatorischer Gerechtigkeit«. In der überarbeiteten Fassung nennt er es »das Gleichgewicht zwischen der Gerechtigkeit bei der Beteiligung und der Gleichheit bei der Verteilung« (S.57). Verhallt ist diese Botschaft wohl größtenteils ungehört, denn bis heute wird Gerechtigkeit in der öffentlichen Debatte gleichgesetzt mit Verteilungsgerechtigkeit.

Sehr eingehend betrachtet Ivan Illich den Wandel des Werkzeugs, das sich zunehmend verselbständigt, dem Menschen entfremdet, weil es seiner eigenen Logik folgt: »immer mehr nützliche Dinge für immer mehr unnütze Menschen zu schaffen.« (S.105) Unnütz deshalb, weil das Werkzeug in stetig größerem Umfang dem Menschen die Aufgabe abnimmt, für sich selbst zu arbeiten und zu sorgen.
Zum Verständnis: mit dem Begriff Werkzeug umfasst Illich sowohl Maschinen, Technologien, ganze Werke, als auch institutionalisierte Abläufe, wie Schulwesen, Gesundheitswesen, Transportwesen. Alle Werkzeuge, die der Mensch einmal entwarf, um definierte Aufgaben zu erledigen, machten sich irgendwann selbständig, und das in ihnen steckende Potential diktiert nun, was mit ihnen geschieht. »Das Werkzeug wird vom Diener zum Despoten.« Sehr deutlich wird dies am Beispiel des Verkehrswesens. In seinen Anfängen entwickelt, um Mobilität zu ermöglichen, hat es heute eine Dimension erreicht, die Mobilität erzwingt. Niemand kann sich ihr entziehen, Lebensraum und Lebensqualität werden in früher unvorstellbarem Maße beschnitten, ohne dass der Mensch sich dessen überhaupt bewusst wird, oder aber weil er bereit ist, »bewusst einen Preis für ein von ihm geschaffenes Milieu zu entrichten

So folgte auf das dem Rhythmus des Menschen angepasste Werkzeug ein im Rhythmus des Werkzeugs agierender Mensch, und alle menschlichen Handlungsweisen wurden dadurch transformiert. (S.67)

Zu seiner Zeit galt für Ivan Illich das Auto als prägnantestes Beispiel des entfremdeten Werkzeugs. Könnte er dieses Buch heute noch einmal schreiben, würde er sicher dem Computer diese Rolle übertragen, denn keine Technologie zuvor hat so umfänglich von der Lebenswelt des Menschen Besitz ergriffen. Niemand wird in absehbarer Zeit mehr in der Lage sein, sich dessen Infrastrukturen, wie Internet, Big Data und der Digitalisierung aller Bereiche zu entziehen, es sei denn, er wäre bereit, sich aus der Gesellschaft vollständig zu verabschieden. Insofern wäre Ivan Illichs Definition und Analyse des konvivialen Werkzeugs heute nützlicher denn je für die Abwägung der soziologischen Entwicklungen. Doch, wie schon gesagt, seine Botschaften blieben weitgehend ungehört, und es steht zu befürchten, dass auch neuere Analysen – die zwar andere Begrifflichkeiten verwenden, wie Suffizienzpolitik (Hartmut Rosa) oder „reduktive Moderne“ (Harald Welzer), aber in die gleiche Richtung denken – ebenfalls ohne Wirkung bleiben werden. Offensichtlich sindwir wir nicht in der Lage, das als richtig Erkannte auch zu tun. Abgesehen von den mangelnden Erfolgsaussichten, befördert man sich mit substantieller Opposition ja auch leicht ins gesellschaftliche Abseits. Ivan Illich sagte es so:

Eine solche Umkehrung der geläufigen Auffassung fordert von dem, der sie unternimmt, intellektuellen Mut…: er wird nicht nur als «Volksfeind und Armenfeind» behandelt, sondern auch als ein gegen Schule, Wissenschaft und Fortschritt eingestellter Obskurant. (S.92)

Noch einmal zurück zur Analyse. Ivan Illich geht es nicht um die Verteufelung technischen Fortschritts. Er fordert jedoch stets die Abwägung, wie weit das Werkzeug die Autonomie des Menschen einschränken darf.

Das Werkzeug ist konvivial in dem Maß, als jeder es ohne Schwierigkeit benutzen kann, so oft oder so selten er will, und zwar zu Zwecken, die er selbst bestimmt. Der Gebrauch, den ein jeder davon macht, greift nicht in die Freiheit des anderen ein, es ebenso oder anders zu machen. (S.53)

Und hier liegt der Hase im Pfeffer: wenn von den Menschen gefordert wird, mobil zu sein, nur weil die Infrastruktur vorhanden ist, wenn gefordert wird, alle Behördenpost, Steuererklärungen, Ticketkäufe …… online zu erledigen, nur weil es technisch möglich ist, wenn gentechnisch veränderte Organismen sich verbreiten dürfen – auch im Lebensumfeld der Menschen, die dies ablehnen – dann wird die Freiheit der Anderen sehr wohl verletzt, und es entsteht eine repressive Diktatur der Mehrheit. Und diese Mehrheit ist es, die auch die Augen verschließt vor den globalen Auswirkungen dessen, dem sie ihre Zustimmung gibt:

Die Industrialisierung vermehrt die Menschen und die Dinge. Die Zahl der Unterprivilegierten nimmt zu, während die Privilegierten immer mehr konsumieren. Folglich wächst bei den Armen der Hunger und bei den Reichen die Angst. Vom Hunger und vom Gefühl der Ohnmacht verleitet, sind die Armen zu jedem Opfer für eine beschleunigte Industrialisierung bereit; getrieben von der Angst und dem Wunsch, sein besseres Leben zu schützen, panzert sich der Reiche und wird doch immer mehr von den Armen abhängig. … Die uns gegebene Chance, für jeden mehr Glück bei weniger Überfluss zu schaffen, wird in den toten Winkel des sozialen Gesichtsfeldes verwiesen. (S.124f.)

Besonders weit lehnt Illich sich hervor, als er fordert, die durch die Industrialisierung entstehenden Schäden für den Einzelnen einklagbar zu machen, »Prinzipien der politisch-juridischen Verfahren wiederzugewinnen, auf Grund deren die Menschen das heutige Ungleichgewicht des institutionellen Komplexes der Industrie begreifen, anklagen und korrigieren könnten.« Um dieses erlittene Unrecht klassifizieren zu können, definiert er folgende Gefahren, die der Menschheit durch die fortschreitende industrielle Entwicklung drohen:

  1. Das übersteigerte Wachstum bedroht das Recht des Menschen auf Verwurzelung in der Umwelt, mit der zusammen er entstanden ist.
  2. Die Industrialisierung bedroht das Recht des Menschen auf Autonomie des Handelns.
  3. Die Überprogrammierung des Menschen im Hinblick auf seine neue Umwelt bedroht seine Kreativität.
  4. Die zunehmende globale Verbündelung aller Produktionsprozesse bedroht sein Recht auf Mitsprache, das heißt auf Politik.
  5. Die Verstärkung von Verschleißmechanismen bedroht das Recht des Menschen auf seine Tradition, seinen Rückgriff auf das Vorhergegangene durch Sprache, Mythos und Ritual. (S. 88)

Die Anstrengung juridischer Verfahren gegen die Segnungen der Wohlstandsgesellschaft setzt natürlich deren breite Ablehnung durch die Menschen voraus. Doch dies ist Illusion.

Das schwerste Hindernis einer Rekonstruktion der Gesellschaft ist weder der Mangel an Kenntnissen über die notwendigen Grenzen noch der an Menschen, die entschlossen wären, sie zu akzeptieren, falls sie unvermeidlich werden – es ist vielmehr die Macht der politischen Mythologie. In einer reichen Gesellschaft ist jeder mehr oder minder Verbraucher; irgendwie spielt jeder seine Rolle bei der Zerstörung der Umwelt. Der Mythos verwandelt diese Vielzahl von Plünderern in eine politische Mehrheit…: die schweigende Mehrheit der unsichtbaren und unbesiegbaren Hüter der Wirtschaftsinteressen am Wachstum, die jedes wirkliche politische Handeln lähmt. … Jeder hat seine Gründe, das industrielle Wachstum zu wünschen, und seine Gründe, es als Bedrohung zu empfinden. Im Augenblick wäre ein Votum gegen das Wachstum schlechthin ebenso wirkungslos wie ein Votum gegen den Sonnenuntergang. (S.177f.)

Diese Zustandsbeschreibung trifft die heutige Situation sicherlich noch besser als jene, die Ivan Illich vor vierzig Jahren vorfand. Im Vorwort zu einer 1998 erschienenen Neuauflage[ii] räumt er denn auch ein: »Die Hoffnungen, von denen ich in der Einleitung schrieb, haben sich als blauäugiger Optimismus erwiesen. Der Nachruf auf das industrielle Zeitalter, der mir damals vorschwebte, ist mir nur in Bruchstücken gelungen.«

Dessen unbenommen bleibt die substanzielle Wahrheit seiner Analyse. Wann auch immer es den nach uns Kommenden gelingen wird, das Futur III, die vermasselte Zukunft  zu überwinden und dann den Nachruf auf das industrielle Zeitalter zu schreiben – Ivan Illich sollte darin nicht unerwähnt bleiben.


 

[i] Die der Rowohlt-Ausgabe zugrunde liegende Fassung wurde von Ivan Illich in großen Teilen überarbeitet. Die Seitenangaben beziehen sich auf diese Ausgabe.

[ii] VERLAG C. H. BECK (Die Übersetzung hält sich an die Originalfassung von 1973 und weicht deshalb von der hier zitierten Fassung zum Teil erheblich ab.)

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