TTIP – Du willst es doch auch!

TTIP bewegt die Gemüter.  „ Wir werden verraten und verkauft an die Konzerninteressen!“, so hallt es aus allen Lagern. Doch bei der Diskussion über Produktstandards und Schiedsgerichte wird aus den Augen verloren, dass dieses Abkommen zuallererst ein Ziel hat: Wachstum und neue Märkte. Ja, das ist das Argument der Befürworter, und es mag leicht fallen, es als Totschlagargument zu bezeichnen, dennoch läuft alles auf die eine Frage hinaus: Wollt ihr das totale Wachstum?

Keine Wirtschaftslobby würde sich für TTIP stark machen, wären da nicht die Märkte auf der jeweils anderen Seite des Atlantik, deren Bewohner nach immer mehr und immer billigeren Konsumprodukten gieren. Sie gehören nicht dazu? Dann beantworten Sie bitte diese Fragen:

  • Haben Sie ein Schild Keine Werbung an Ihrem Briefkasten; werfen Sie Werbepost und Prospekte ungelesen weg?
  • Sind Sie bereit, eine neue Aufrüstungsrunde auf dem Computer- und Smartphonemarkt auszusetzen?
  • Haben Sie Ihren Fleischkonsum reduziert und zahlen stattdessen dem kleinen Landwirt vor Ort einen fairen Preis?
  • Sie halten nichts von Shopping und gehen nur Einkaufen, wenn Sie etwas konkret benötigen?

Ja?? – Dann gehören Sie zu den Wenigen, die TTIP nicht wollen. Um ehrlich zu sein, ich selbst habe Mühe damit; und dass es so schwer fällt, seinen eigenen Überzeugungen zu folgen, liegt wohl daran, dass es doch alle tun:

  • der Online-Shopper, der den schlechtbezahlten Kurierfahrer bedauert, aber alles ohne Versandkosten geliefert haben möchte
  • der junge Arzt, der nicht aufs Land will, weil er dort nicht angemessen konsumieren kann (Einspruch abgelehnt! – es geht letztendlich immer nur ums Konsumieren)
  • der Fernsehzuschauer, der sich von den Privatsendern als Gegenleistung mit Werbung zuschütten lässt
  • jeder, der sich über den Missbrauch seiner Daten aufregt, aber ganz selbstverständlich Suchmaschinen und andere kostenlose Leistungen des Internet beansprucht
  • die vielen Menschen, die ihr sauer verdientes Geld ins Fußballstadion oder zur Formel1 tragen, und so den dekadentesten Spielebetrieb aller Zeiten alimentieren

Ich sitze also selbst im Glashaus und werde mich hüten, mit Steinen zu werfen. Aber deshalb ist es auch sicher, dass wir TTIP bekommen werden, in welcher Form auch immer. Wer glaubt, das ließe sich mit ein paar kosmetischen Änderungen menschenfreundlich gestalten, sitzt einem fatalen Irrtum auf. Ein bisschen Imperialismus geht nicht; man bekommt den Teufel nicht ohne Hörner. Nur eines könnte ihn das Interesse an uns verlieren lassen: wenn wir unser Interesse an seinen Produkten verlieren. Aber wer möchte daran ernsthaft glauben, da schon Ludwig Erhard (1957!!!) die Frage stellte, »ob es noch immer richtig und nützlich ist, mehr Güter, mehr materiellen Wohlstand zu erzeugen, oder ob es nicht sinnvoller ist, unter Verzichtleistung auf diesen „Fortschritt“ mehr Freizeit, mehr Besinnung, mehr Muße und mehr Erholung zu gewinnen.« Da es nach sechzig Jahren Wohlstand nicht gelungen ist, diese Frage zu beantworten, möchte ich meinen Optimismus eigentlich nicht weiter daran verschwenden. Konsequenterweise sollte man dann aber nicht darüber lamentieren, dass die Verhandlungen über TTIP hinter verschlossenen Türen stattfinden. Das spielt keine Rolle. Es sind die Götzen des Wachstums, vor deren Altären diese Kämpfe ausgetragen werden, und solange die Diskussion um TTIP die falschen Götter nicht grundsätzlich in Frage stellt, bleibt sie nur Teil der Liturgie des Götzendienstes.

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