Aufklärungsexport – FREIHEIT, gleichheit, brüderlichkeit?

Die jüngsten Bürgerproteste pro und contra PEGIDA, die Auseinandersetzung mit Terror, religiösem Fanatismus und Intoleranz, haben in den letzten Monaten den Ruf nach einer neuen, einer globalen Aufklärung vielstimmig werden lassen. Zwei Fragen treten dabei zutage: haben wir die Ideen der alten Aufklärung überhaupt verwirklicht und, wenn ja, können wir sie in andere Teile der Welt exportieren?

Stiefkinder der Aufklärung

Neben dem Ruf nach Rationalität und Selbstbestimmtheit waren die Bürgerrechte Kernthemen der Aufklärung. Von der populärsten Forderung – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – ist die Freiheit dasjenige Element, welches in Europa am umfänglichsten Realität wurde. Stets führte es die Forderungsliste an und überschattete die beiden anderen Ideen. Warum ist das so? Freiheit war den Protagonisten der Aufklärung das wichtigste Anliegen, denn sie litten am Mangel an Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit.

Hingegen sich gleichzustellen mit dem gemeinen Volk, das sahen sie wohl mit gemischten Gefühlen, die Pastorensöhne Lessing, Gellert und Gottsched. Auch Rousseau, der die soziale Ungleichheit als erster analysierte, dürfte als Sohn eines Hofjuweliers von den Standesunterschieden profitiert haben. Shakespeare, Schiller, Goethe, Klopstock – sie alle stammten aus eher wohlhabenden Verhältnissen. Gleichheit und Brüderlichkeit – damit hatten sie es nicht so eilig wie mit der Freiheit. Sie lieferten lediglich die Ideen; in die Realität umsetzen sollten sie diejenigen, die unter der Ungleichheit litten. Als die das dann taten, 1789 in Paris, hielt sich die Begeisterung bei den Intellektuellen in Grenzen. Nach der Anfangseuphorie erschraken sie vor dem, was ihre Ideen angerichtet hatten. Schiller resümiert im „Fiesco“: »Was ist die Mehrheit? Mehrheit ist der Unsinn, Verstand ist stets bei wen’gen nur gewesen.« Und in einem Brief schreibt er:

In den niederen Klassen sehen wir nichts als rohe gesetzlose Triebe, die sich nach aufgehobenem Band der bürgerlichen Ordnung entfesseln, und mit unlenksamer Wut ihrer tierischen Befriedigung zueilen. Es war also nicht der moralische Widerstand von innen, bloß die Zwangsgewalt von außen, was bisher ihren Ausbruch zurückhielt. Es waren also nicht freie Menschen, die der Staat unterdrückt hatte, nein, es waren bloß wilde Tiere, die er an heilsame Ketten legte. Hätte der Staat die Menschheit wirklich unterdrückt, wie man ihm Schuld gibt, so müsste man Menschheit sehen, nachdem er zertrümmert worden ist.[1]

Eine zweite Ursache für das Schattendasein von Gleichheit und Brüderlichkeit ist darin zu sehen, dass Freiheit der am klarsten zu definierende Begriff ist. Der Theorien gibt es zwar viele, doch letztendlich läuft es auf eines hinaus: du darfst alles tun, was nicht die Würde und die berechtigten Interessen deiner Mitmenschen beschneidet. Gleichheit und Brüderlichkeit dagegen sind schwammige Begriffe, weshalb man adäquate Forderungen heute eher mit Gerechtigkeit und Solidarität beschreiben möchte. Zumindest im ersten Fall ist dies jedoch grundsätzlich falsch, wie wir gleich sehen werden.

Die dritte und wichtigste Ursache ergibt sich aus der Gegenläufigkeit von Freiheits- und Gleichheitsbestrebungen. »Zwischen dem Starken und dem Schwachen ist es die Freiheit, die unterdrückt, und das Gesetz, das befreit.« Diese Erkenntnis von Rousseau macht das ganze Dilemma deutlich, mit dem sich jede aufgeklärte Gesellschaft konfrontiert sieht. Der Staat  muss einerseits die persönlichen Freiheitsrechte schützen, andererseits aber darauf achten, dass diese nicht zu extremen sozialen Verwerfungen führen. Denn persönliche Freiheit wird von einem Teil der Menschen immer dazu benutzt, sich durch Besitz- oder Machtaneignung vom Durchschnitt der Gesellschaft abzugrenzen. Wenn dies zu übergroßer Ungleichheit führt, verliert das Leben in einer solchen Gesellschaft für alle Beteiligten an Qualität.

Daraus ergibt sich, dass der Gleichheitsbegriff nicht einfach durch Gerechtigkeit ersetzt werden kann. Der Gerechtigkeitsbegriff ist weit abstrakter und umfassender, kann aber die Klammer zwischen Freiheit und Gleichheit bilden – je besser sich beide im Gleichgewicht befinden, desto gerechter wird eine Gesellschaft sein. Das mit der Brüderlichkeit erledigt sich dann von selbst; denn das, was damit gemeint ist, nämlich Solidarität, hat bereits stattgefunden, wenn für angemessene Gleichheit in der Gesellschaft gesorgt wurde. Der Umstand, dass Solidarität stets und ständig eingefordert werden muss, zeugt also davon, wie weit wir von einer gerechten, somit aufgeklärten Gesellschaft entfernt sind.

Der skizzierte Konflikt zwischen Freiheit und Gleichheit bestimmt das Handeln aller politischen Parteien, und sie definieren sich durch die Wege, auf denen sie ihm begegnen wollen. Wie Erhard Eppler sagte: »Ob man Freiheit und Gerechtigkeit als Gegensätze sieht, von denen eines nur auf Kosten des anderen zu haben sei, oder als Zielsetzungen, die einander stützen, macht heute den Unterschied zwischen rechts und links aus.«[2]

Und doch ist dieser Unterschied innerhalb der westlichen Industriegesellschaften minimal geworden. Die eigentliche Herausforderung begegnet uns erst, wenn wir den Konflikt international betrachten – eine Herausforderung, der wir uns in einer globalisierten Welt nicht entziehen können. Der kürzlich verstorbene Soziologe Ulrich Beck hat dies in seiner Schrift „Neuvermessung der Ungleichheit“[3] begründet. »Ungleichheiten innerhalb nationaler Gesellschaften werden in der Wahrnehmung enorm vergrößert; gleichzeitig werden Ungleichheiten zwischen nationalen Gesellschaften ausgeblendet.« Hier ist die Politik, ob Rechts, Links oder Mitte nämlich ratlos. Kommt sie den Erfordernissen nach, die sich aus der globalen Ungleichheit ergeben, macht sie sich unwählbar, denn es gibt, wie Beck schreibt, »die äußerst heterogene Mehrheit derjenigen, die ihre materielle Existenz territorial definieren und angesichts der Bedrohung ihres Lebensstandards auf die Stärkung territorialer Grenzen und die Schärfung nationaler Identität pochen, den Schutz des Staates einklagend. […] Der Wähler ist kein Masochist. Er wählt nicht die Partei, die seinen Abstieg verspricht.« Was Beck mit dieser „heterogenen Mehrheit“ beschrieb, hat sich bei den PEGIDA-Demonstrationen deutlich offenbart. Um die zu interpretieren, braucht es aber gar nicht den Soziologen, sondern zuallererst den Beobachter, den Zuhörer. Frau Sibylle (Kolumnistin des SPIEGEL) ist eine, die beobachtet und zu verstehen versucht. Sie sieht die Menschen »verwirrt über die Welt, die scheinbar oder real gerade an allen Ecken zu explodieren scheint. Da bleibt doch kein Stein auf dem anderen, und alles, was man sich für sein Leben vorgestellt hatte, scheint infrage gestellt. […] Das ist doch alles zu viel für unseren Verstand, da muss man nach einfachen Formeln suchen, klaren Feinden.« Aber sie sieht auch, dass der Protest ein Mittel ist, um vom eigenen Fehlverhalten abzulenken. »Zu gerne haben wir billige Waren konsumiert, sind in den Urlaub gefahren, haben uns benommen wie Idioten, haben uns nicht für Politik interessiert, unsere demokratischen Rechte nicht wahrgenommen, wir waren gierig und faul. Fast jeder von uns. Aber wer will das schon lautstark betrauern?«[4] Stattdessen sucht man die Schuldigen lieber in der Politik oder in fremden Gefilden. Da ist wirklich eine neue Aufklärung erforderlich – nicht für den Rest der Welt, sondern zuallererst für uns.

Jeder Topf hat seinen Deckel

Wie wenig wir von den komplexen Ideen der Aufklärung verinnerlicht haben, zeigt der Europäische Politbetrieb täglich aufs Neue. Auch hier dreht sich alles um Freiheit – zumindest Alibi spendend, denn so lässt sich der Freizügigkeit im Verkehr von Waren, Dienstleistungen und Personen (sprich: Arbeitskräften und Touristen) der Anstrich eines höheren Ideals verleihen. Wo aber bleibt die Freiheit, den eigenen Vorstellungen von einem guten Leben zu folgen? Diese Selbstbestimmtheit (nach Kant „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“) war nämlich das wichtigste Anliegen der Aufklärung.  Die Realität ist eine andere; nicht nur der Einzelne, ganze Völker und Kulturen werden genötigt, ihre Lebensweise aufzugeben und dem vermeintlich fortschrittlichen westlichen Ideal zu folgen. Es hat doch Gründe, dass sich die Griechen den Idealen der Antike stärker verbunden fühlen als denen von Reformation und Industriegesellschaft. Gern wird eingewendet, dass deren Vorstellungen von einem guten Leben, von der Geringwertigkeit der Erwerbsarbeit, vom hohen Ziel der Muße nur unter den Bedingungen der Sklavenhalter-Gesellschaft entstehen konnten. Das ist richtig, doch bedingen sie nicht einander. Diese Lebensauffassungen hielten sich auch nach Abschaffung der Sklaverei, weshalb die Ideen der Reformation, insbesondere calvinistisches Gedankengut, in Südeuropa nie Fuß fassen konnten. Wer Griechenland, Spanien oder Portugal vor zwanzig Jahren als Tourist erlebt hat und über die Gabe der Erinnerung verfügt, der wird heute gravierende Veränderungen im Leben und Verhalten der Menschen feststellen. Die andere Welt, die wir damals empfanden, in der die Zeit stehengeblieben schien, suchen wir heute vergeblich – den gleichgültigen Kaufmann, dem es völlig egal schien, ob wir etwas kaufen oder nicht, den gelassenen Kellner, der nie auf die Idee gekommen wäre, Leute von der Straße in sein Restaurant zu locken, oder die mit stoischer Ruhe vor dem Café ausharrenden Männer aller Altersgruppen. Gäste waren damals herzlich, heute kommerzlich willkommen. Die Verlockungen des neuen Wohlstands, der mit Eintritt in die EURO-Zone möglich wurde, und der Zwang mitzuhalten, haben diese Veränderungen bewirkt. Ist das gut so? Offensichtlich passt nicht der gleiche Deckel auf alle Töpfe.

Welche Lebensweise ist die Richtige? Gibt es ein Richtig und ein Falsch? Heutzutage, hierzulande hören wir immer häufiger die Antwort: Es gibt ein Richtig und ein Falsch – und ICH bin RICHTIG! Dabei ist gerade der Relativismus zentrales Anliegen der Aufklärung.

Es eifre jeder seiner unbestochnen
Von Vorurteilen freien Liebe nach!
Es strebe von euch jeder um die Wette

Für Lessing war Wettstreit der Ideen der einzige Weg, so etwas wie Wahrheit zu finden. Und – merke auf – auch unsere Bundeskanzlerin, die kürzlich dem ungarischen Premierminister eine Nachhilfestunde in Demokratie geben wollte, weiß: »Unsere Gesellschaften leben davon, dass sie im Wettstreit miteinander um den besten Weg ringen[5] Mon dieu – wenn sie das weiß, warum fordert sie dann alle Gesellschaften auf, den Weg von Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit zu gehen? Und warum hören wir auf sie? Jürgen Habermas vermutet, »wir verhalten uns zur Zukunft nicht mehr im Modus von Herausforderung und Antwort, challenge and response, sondern – wie uns die Bundeskanzlerin einschärft – im Modus von TINA: There is no alternative.«[6]

Lessing war klar, dass sich die eine Wahrheit nie voll erschließt, weshalb er in der Ringparabel das Ende des Strebens um den rechten Weg in einer Zukunft außerhalb unserer Vorstellungskraft verortet:

Und wenn sich dann der Steine Kräfte
Bei euern Kindes-Kindeskindern äußern:
So lad ich über tausend tausend Jahre
Sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird
Ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen

Doch die tausend tausend Jahre will keiner warten. Deshalb wurde die „unbestochne, von Vorurteilen freie Liebe“ in eine Liebe zu Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit umgemünzt. Nicht für uns allein, sondern für die ganze Welt. Aber es wird doch niemand gezwungen, sich das westliche Wachstumsmodell zu eigen zu machen, lautet wiederum der geläufige Einwand. Ein Einwand, der so schlagend wie ignorant ist. Als hätten die Menschen eine Wahl! Das, was weiter oben für Griechenland skizziert wurde, beschreibt Pier Paolo Pasolini bereits in den siebziger Jahren für Italien:

Der Zwang zum Konsum ist ein Zwang zum Gehorsam gegen­über einem unausgesprochenen Befehl. Jeder in Italien steht un­ter dem entwürdigenden Zwang, so zu sein, wie die andern: im Konsumieren, im Glücklichsein, im Freisein; denn das ist der Be­fehl, den er unbewusst empfangen hat und dem er gehorchen „muss“, will er sich nicht als Außenseiter fühlen. Nie zuvor war das Anderssein ein so schweres Vergehen wie in unserer Zeit der Toleranz. [7]

Welches ist die Dimension einer Freiheit, die unter solchen Bedingungen entsteht? Ist es nicht einfach nur das, was Goethe beschreibt:

Sie streiten sich, so heißt’s, um Freiheitsrechte;
Genau besehn, sind’s Knechte gegen Knechte.

Ist es das, was wir dem Rest der Welt zu dessen Segen beibringen wollen?

Fangen wir bei uns selbst an!

»Alle großen Ideen scheitern an den Leuten.«, witzelte Bertolt Brecht. Es ist die Tragik der Aufklärung, dass ihre Ideen meist bei anderen eingefordert werden; selbst hat man es mit deren Beherzigung nicht so eilig. Bevor wir jedoch über einen Aufklärungsexport nachdenken oder uns anschicken, andere Völker in Sachen Menschlichkeit zu belehren, müssen zuerst bei uns die Hausaufgaben in Punkto Gerechtigkeit und Toleranz gemacht werden. Und noch davor gilt es, die Kernforderung der Aufklärung zu erfüllen: dass Vernunft die Oberhand gewinnt. Es steht zu befürchten, dass wir bereits an diesem Punkt scheitern. Denn, um noch einmal mit Brecht zu sprechen, »der Sieg der Vernunft kann nur der Sieg der Vernünftigen sein.« Wie aber sollen die siegen, wenn sie in solcher Minderzahl sind, wenn Menschen sich Rationalität, Fakten und Empirie alltäglich auf breiter Front verweigern, um das eigene Weltbild nicht in Gefahr zu bringen?

Der Aufruf zum Nachdenken auf dem abgebildeten Plakat ist berechtigt, die Aussage rational und logisch. Und doch ist es so, wie ein Kommentator dazu auf flickr schreibt: Pegida lässt sich ihre Weltsicht nicht von Fakten kaputtmachen. Zugegeben, Logik ist nicht das Ende der Weisheit, sondern nur ihr Anfang, wie ein berühmter Vulkanier sagte. Doch offenbar wähnt sich so mancher, dies Ende der Weisheit, wo Logik keine Rolle mehr spielt, schon erreicht zu haben. Kein Wunder, wir bekommen es doch überall vorgemacht. Man braucht sich nur eine x-beliebige Talkshow anzusehen, um den Mechanismus zu verstehen: nach anfänglichem Bemühen um Dialog und rationalen Disput wird sehr schnell die Stufe der Polemik erreicht, nämlich dann, wenn für einen der Diskutanten die sachlichen Argumente nicht mehr in Einklang mit der eigenen Position zu bringen sind. Oder wenn der Bis-hierher-und-nicht-weiter-Punkt auf der Skala des ideologisch Tolerablen erreicht ist. Für den Philosophen Martin Buber entsteht Dialog zwischen Menschen, »die sich einander in Wahrheit zugewandt haben, sich rückhaltlos äußern und vom Scheinenwollen frei sind […] Die Grundhaltung ist die des Lernen-Wollens und nicht die des „Schon-Wissens“«.[8] Da hört es ja nun ganz auf! Es gibt ein Richtig und ein Falsch – und ICH bin RICHTIG!

Viel war in den letzten Monaten von Toleranz die Rede. In Presse, Funk und Fernsehen gab es ganze Themenwochen dazu. Das Einzige, was dabei wirklich klar wurde ist, dass es keinerlei Klarheit gibt. Doch dieses Thema ist zu ernst und umfassend, um es hier mit ein paar lapidaren Sätzen abzuhandeln. Es soll in den nächsten Tagen in einem separaten Beitrag diskutiert werden.

Wo liegen die Hoffnungen? Da wo sie auch schon vor 300 Jahren lagen: in Philosophie, Literatur, Musik, Theater – heute kommt noch der Film dazu – also überall dort, wo Menschen agieren, die in der Gesellschaft etwas darstellen, deren Meinung etwas gilt. Die Hoffnungen können sich aber nur unter zwei Voraussetzungen erfüllen:

  • Wenn die Akteure diese Verantwortung annehmen und ein Sendungsbewusstsein entwickeln – ja! – im positiven Sinne des Wortes, sich bewusst werden, dass sie etwas zu sagen haben. Natürlich muss man auch respektieren, wenn einer denkt: »ich steh nur hier oben und sing mein Lied«, aber wer die Gesellschaft reflektiert, sich Gedanken macht, sollte auch den Mut haben, diese zu äußern.
  • Wenn es gelingt, die Ideen dem Volk nahe zu bringen. Den frühen Aufklärern konnte das natürlich kein Anliegen sein, sie hätten die breite Unterschicht ohnehin nicht erreicht. Vielleicht fehlt deshalb bis zum heutigen Tag jener Gang im Getriebe der Aufklärung, welcher die Ideen der Philosophen in die Sprache des Normalbürgers übersetzt. Hier muss sich etwas tun; sammeln wir Beispiele, wie es gelingen kann!

Hier ein Anfang: Tausendfach wurde Nathan der Weise schon aufgeführt, doch sicher hat man sich selten so gründlich Gedanken gemacht wie in dieser Spielzeit am Münchner Volkstheater. Stand doch die Inszenierung im aktuellen Umfeld von PEGIDA und terroristischen Auswüchsen von religiösem Fanatismus. »Ich glaube, wir haben noch nie so viel über das Stück gesprochen und so wenig geprobt», sagt Regisseur Christian Stückl, »dieses Stück ist eigentlich immer noch total aktuell, wenn man denkt, das ist über 200 Jahre alt. Aber wir sind eigentlich an vielen Punkten einfach nicht weitergekommen. Wir setzen uns zu wenig miteinander auseinander[9] August Zirner, der den Nathan spielt, vermutet eine grundsätzliche Sehnsucht nach absoluter Wahrheit. »Das Bedürfnis zu sagen, so ist es und nicht anders, ist bei uns allen wahrscheinlich gegeben.«

So ließen sich gewiss viele öffentliche Räume beschreiben, wo Aufklärung stattfinden kann. Doch wir wollen uns nichts vormachen: es sind Inseln. Solange die Politik nicht ihren Fokus von wirtschaftlichen auf ethische Problemfelder verlagert, solange werden alle persönlichen und zivilgesellschaftlichen Bemühungen nur Tropfen auf den heißen Stein bleiben. Und da die Politik nur das tut, was der Wähler von ihr fordert, beißt sich an dieser Stelle die Katze in den Schwanz. Wie ist dieser Teufelskreis zu durchbrechen? Wie bringt man die Bürger dazu, zukunftsorientierte Politik zu verlangen? Wie also gelingt Aufklärung?

Kant stellte die rhetorische Frage, ob er in einem aufgeklärten Zeitalter lebe, und gab zur Antwort: »Nein, aber wohl in einem Zeitalter der Aufklärung

Wie schön, wenn auch ich das sagen könnte. Da aber die unbeantworteten Fragen täglich mehr werden, bleibt vielleicht doch nichts anderes übrig, als es mit Frau Sibylle zu halten: »Im Gegensatz zu vielen gestehe ich meine Dummheit. Ich habe keine Antwort. Oder jeden Tag eine andere. Ich versuche, kein Arschloch zu werden. Nicht an einfache Lösungen zu glauben. Nicht feige zu werden. Mehr ist nicht drin[10]

Es tröstet mich ein wenig, dass ich mit meiner Ratlosigkeit nicht allein bin.


[1] Friedrich Schiller an den Herzog Friedrich Christian von Augustenburg. 13. Juli 1793.

[2] Erhard Eppler „Ende oder Wende“ München: dtv 1975

[3] Ulrich Beck „Die Neuvermessung der Ungleichheit unter den Menschen: Soziologische Aufklärung im 21. Jahrhundert“ Frankfurt: Suhrkamp 2008

[4] Sibylle Berg „Auf Alarm geschaltet“ SPIEGEL ONLINE 17.01.2015

[5] Angela Merkel bei einem Treffen mit Ungarns Premier Orban, 02.02.15 (ARD)

[6] Jürgen Habermas „Im Sog der Technokratie“ Frankfurt: Suhrkamp 2013

[7] Pier Paolo Pasolini „Freibeuterschriften“ Berlin: Wagenbach 1982

[8] zit. nach: Renate Michaelis „Entwicklung einer Dialogkultur“ Vortrag 01.12.2006

[9] „Ein hochaktuelles Stück“ Interview mit Christian Stückl, http://www.deutschlandradiokultur.de 04.02.2015

[10] Sibylle Berg „Terror, Schmerz, Wahnsinn – es wird nie enden“ SPIEGEL ONLINE 07.01.2015

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