Futur III und Disperfekt – vermasselte Zukunft durch ignorierte Vergangenheit

Auf breiter Front wird die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft in Frage gestellt. Philosophen, Soziologen, Klimaforscher, Naturwissenschaftler – alle sind sich seit langem einig: so kann es nicht weitergehen. Man hört ihnen zu und – macht weiter.

Was tut ein Autofahrer, wenn er merkt, dass er sich verfahren hat? Er hält an und sucht nach dem richtigen Weg. Doch die Gesellschaft tritt aufs Gaspedal und hofft, doch noch irgendwie ans Ziel zu gelangen. Die erste Frage auf der Suche nach dem Weg wäre doch: Wie soll eigentlich unsere Zukunft aussehen? – In früheren Zeitaltern gab es dazu klare Vorstellungen, die stets in der Zuversicht, zumindest aber in der Hoffnung mündeten: Unseren Kindern soll es mal besser gehen. Heute sind wir von solch einem Optimismus weit entfernt, nicht zuletzt weil unsere Vorstellungswelt beschädigt ist.

Harald Welzer, Direktor der Stiftung FUTURZWEI,  hat in seinem Buch „Selbst denken“ die Wichtigkeit des Bildes einer wünschenswerten Zukunft begründet:

»Stellen Sie sich einfach vor, wie Sie dereinst die Frage beantworten wollen, wer Sie gewesen sind und welchen Beitrag Sie entweder zur Zerstörung oder zur Sicherung von Zukunft geleistet haben. Stellen Sie sich selbst im Tempus Futur zwei vor: Wer werde ich gewesen sein? Das hilft: Vieles von dem, was im einfachen Futur als unbequem und lästig erscheint, wird im Futur zwei plötzlich interessant und attraktiv.«[1]

Beim Futur III handelt es sich nun um etwas anderes; Erfinder dieser „Zeitform“ ist das Satiremagazin Der Postillon. Sie wurde dafür eingesetzt, das Debakel um den Bau des Berliner Flughafens aufs Korn zu nehmen. »Erst das Futur-III ermögliche dem Sprecher, ein Ereignis in der Zukunft zu beschreiben, das höchstwahrscheinlich nicht eintrifft […] Beispiele für eine korrekte Verwendung des Futur-III sind „Nächstes Jahr um diese Zeit werde ich gerade meine Koffer aufgegeben hätten gehabt.“«[2]
Witzige Idee, aber das Beste ist: mit dem Futur III lässt sich wunderbar illustrieren, wie unsere Zukunft hätte aussehen können:

»Wir werden ein gutes Leben gehabt hätten.«

Diese Aussage impliziert nämlich ein wenn : wenn wir uns nicht sukzessive die Lebensgrundlagen entzogen hätten, wenn wir Bildung nicht durch Verschulung ersetzt hätten, wenn wir Europa als kulturelles Projekt und nicht als ökonomische Hoffnung verstanden hätten – mit einem Wort:

wenn unbequeme Wahrheiten nicht verdrängt worden wären.

Denn nicht der Mangel an Erkenntnis, sondern Verdrängung ist das Problem. »Zweifellos war die Kenntnis der großen Ideen der Menschheit noch nie so weit auf der Welt verbreitet wie heute. Noch nie war aber auch ihre Wirkung so gering.«, resümierte Erich Fromm schon vor einem halben Jahrhundert. [3]

Wenn wir einmal beim Erfinden neuer Zeitformen sind, wie wäre es damit:

Disperfekt – die unabgegoltene Vergangenheit

Viele Menschen machen sich heute Gedanken über die brennenden Fragen unserer Zeit. Das ist gut so, und die mühevolle Suche nach Antworten kann nicht hoch genug gewürdigt werden. Dabei fällt aber auf, wie wenig das umfangreiche Ideengut Beachtung findet, das schon lange vorgedacht wurde.

Wer kann was Dummes, wer was Kluges denken,
Das nicht die Vorwelt schon gedacht?
J.W. Goethe , Faust II

Zu wenig ist aufgearbeitet von den großen Ideen der Geschichte, und es täte der Menschheit gut, die darin verborgenen unabgegoltenen Hoffnungen zu erkennen. Besonders tragisch erscheint heute der Bedeutungsverlust jener Autoren, die in den drei Jahrzehnten nach Kriegsende die gesellschaftliche Entwicklung reflektierten. Außerhalb von Hochschulen und politisch-philosophischen Debattierclubs scheinen sie völlig vergessen.

In einer Zeit, in der sich der Fortschritt jeden Tag selbst überholt, was können uns da Bücher sagen, die vierzig oder fünfzig Jahre alt sind? Vielleicht das, was heute niemand mehr wissen kann, weil unser Erfahrungshorizont „eindimensional“ geworden bzw. geblieben ist. Es gibt nun mal keine Autoren mehr, die nennenswerte Erfahrungen aus der Vorkriegszeit mitbringen. Inzwischen wird auch die Zahl derjenigen immer kleiner, welche die Zeit vor der deutschen Wiedervereinigung im reifen Alter erlebt haben. Es bleiben all jene, die sich das Bild einer nicht auf Konsumismus und Wachstum fixierten Gesellschaft gar nicht mehr vorstellen können. Diese Unfähigkeit, historische Alternativen zu erkennen, thematisiert Herbert Marcuse 1964 in seinem Werk „Der eindimensionale Mensch“. Er erlebte hautnah, wie sich die Gesellschaft und ihre Wertvorstellungen durch Diktatur, Kriege und Not veränderten und wie sich schließlich mit dem Siegeszug der sozialen Marktwirtschaft die Entwicklung einer neuen Form von Totalitarismus abzeichnete. Einen solchen Erfahrungsschatz können heutige Autoren nicht mehr einbringen, deshalb darf das Werk der Altvorderen in der aktuellen Diskussion nicht unberücksichtigt bleiben.

Kritiker werden einwenden, dass Geschichte sich nicht wiederholt. »Büchertische, wie sie sich vor philosophischen Seminaren finden, sind das Grabmal des Intellektuellen und ein Gottesacker der Theorie. Hier ruhen die Denker von gestern und die großen Ideen der abgelaufenen Saison. Gleichgültig blättert darin der Wind, denn längst ist Weltgeist über sie hinweggeschritten[4], schreibt ein Rezensent im Gedenken an Ernst Blochs „Prinzip Hoffnung“. Aber Bloch wusste: »wo etwas nicht Geschichte wurde und Geschichte nicht gemacht hat, wiederholt sie sich durchaus[*] Die Lehren der Nachkriegsdenker sind größtenteils nicht Geschichte geworden. Für die nachholende Revolution – wie Jürgen Habermas es nennt – könnten sie also noch immer Ideengeber sein. Ihre Lektüre macht sehr schnell klar: gesagt ist alles, doch nichts ist getan.

Sicher – wer sich nur an wirren Diskussionen beteiligen möchte, um seiner verbalen Diarrhoe Erleichterung zu schaffen, dem genügt es, an der Oberfläche zu kratzen. Wer aber den Dingen auf den Grund gehen möchte, sich selbst Fragen stellt, der wird dort die besten Antworten finden, wo diese Fragen das erste Mal gestellt wurden. Warum? Weil sie da noch nicht gewaschen und weichgespült sind durch Ideologie und politische Korrektheit. Die Quelle war noch immer der erfrischendste Abschnitt eines Wasserlaufes.

Das bedeutet nicht, dass man die Primärquellen lesen muss. Wer hat schon die Zeit, vierzig Bände Marx-Engels-Gesamtausgabe zu studieren, zwanzigtausend Seiten Max Weber oder sechzehn Bände Ernst Bloch. Das haben zum Glück bereits andere für uns getan; wir können also auf Sekundärliteratur zurückgreifen, müssen dabei aber unterscheiden, welchem Autor es wirklich um die ursprünglichen Ideen ging und nicht um Legitimation und Bestätigung seiner eigenen Ideologie.

Mit einigen maßgebenden Denkern der Nachkriegszeit möchte ich mich in Folgebeiträgen beschäftigen.


[*] Blochs Idee des „Unabgegoltenen“ wurde oft aufgegriffen und gewürdigt. Das was an progressivem Ideengut nicht umgesetzt werden konnte, bleibt unabgegolten in Bezug auf die Zukunft und somit als konkrete Hoffnung bestehen. »Der Blick auf die Geschichte macht für ihn nur Sinn, wenn er mit Perspektive verbunden wird. Spuren zu finden, die auf Utopia, also das Noch-Nicht hindeuten, ist seine Intention. Das „Unabgegoltene“ in der Geschichte kenntlich zu machen, darauf kam es ihm an.« (Helmut Seidel)

[1] Harald Welzer „Selbst denken“ Frankfurt: S.Fischer 2013

[2] „Neue Zeitform Futur III eingeführt“ http://www.der-postillon.com 15.08.2012

[3] Erich Fromm „Propheten und Priester“ in: „Über den Ungehorsam“ Stuttgart: DVA 1982

[4] Thomas Assheuer „Die Welt am Enterhaken“ ZEIT ONLINE 05.11.2009

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