„Ende oder Wende“ – neu betrachtet

Erhard Eppler über die Machbarkeit des Notwendigen

In die erste Hälfte der siebziger Jahre fällt eine historische Zäsur, deren Tiefe erst in einigem Abstand sichtbar werden wird. Die Menschheit ist auf Grenzen gestoßen, von denen sie zumindest in den zwei Jahrhunderten zuvor nichts wusste oder wissen wollte.

Mit diesen Worten beginnt das vor vierzig Jahren erschienene Buch „Ende oder Wende. Von der Machbarkeit des Notwendigen“ von Erhard Eppler.[1]

Es ist das hoffnungsvolle Jahr 1975, das Jahr der KSZE-Schlussakte von Helsinki, das Jahr, in dem der Vietnamkrieg und die Franco-Diktatur in Spanien beendet werden. Aber es ziehen neue Sorgenwolken auf, zuerst in den USA, wenig später auch in Europa und den anderen frühindustrialisierten Ländern. Das Wirtschaftswachstum der Nachkriegsjahre scheint an seine Grenzen gelangt zu sein. Und nicht nur das, der zunehmende Wohlstand hat Probleme aufgeworfen, vor denen die Gesellschaft lieber die Augen verschließen möchte. Namhafte Gelehrte hatten jene Fehlentwicklungen bereits angeprangert; epochale Werke entstanden in diesem Umfeld, wie etwa Herbert Marcuse „Der eindimensionale Mensch“, Jürgen Habermas „Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus“, Erich Fromm „Haben oder Sein“, Ivan Illich „Selbstbegrenzung“. Sie legten den Finger in die Wunden, ihre Sprache war jedoch nicht immer die des Volkes. – Eppler redet Klartext. bundesarchiv_b_145_bild-f066923-00222c_kc3b6ln2c_spd-parteitag2c_eppler-e1517437024751.jpg

Am Rande sei bemerkt, dass Erhard Eppler in der öffentlichen Wahrnehmung lange nicht den Stellenwert hat, der diesem streitbaren Vordenker zukommt. Wenn man von Erich Fromm in einer Reihe mit den bedeutendsten humanistischen Denkern genannt wird, und das in relativ jungen Jahren, dann ist das mehr als eine Auszeichnung.[*]


Wachstum und Wohlstand

Wer das Buch heute zur Hand nimmt, wird recht bald ungläubig nach dem Impressum suchen, um das Erscheinungsjahr zu überprüfen. Und um hinterher die Frage zu stellen: was hat sich eigentlich geändert in diesen vierzig Jahren? Versuchen wir eine Antwort zu finden.

Eppler beginnt mit einigen prognostischen Überlegungen, die an die Studien von  Meadows und Mesarovic/Pestel anknüpfen (Berichte an den Club of Rome 1972 und 1974). Sie sollen hier nicht im Einzelnen analysiert werden; vieles, insbesondere demographische Entwicklungen, haben sich bestätigt, anderes, wie etwa die Reichweite der Rohstoffe, musste revidiert werden. Was uns interessiert, sind Epplers Projektionen dieser Szenarien auf die verschiedenen Bereiche und Problemfelder der Gesellschaft, insbesondere seine Sicht auf die Politik, die sich schwer damit tut, den neuen Herausforderungen zu begegnen.

Bislang klafft zwischen Futurologie und Politik eine riesige Lücke. Sie spiegelt den Abstand zwischen Bewusstsein und Reali­tät. Diese Lücke wird gegenwärtig nicht geringer, sie wird größer. Unsere Antworten auf die Herausforderungen unserer Zeit werden immer unangemessener, verzagter oder auch unredli­cher, der Abstand zwischen dem Zeithorizont politischer Ent­scheidungen und dem Zeithorizont unserer Aufgaben unerträg­licher. (S.22)

Von den Wachstumsgläubigen wird gern eingewendet, dass sich alle apokalyptischen Prophezeiungen dieser Zeit nicht bewahrheitet hätten; weder stehen wir heute ohne fossile Energieträger und andere Rohstoffe da, noch kann geleugnet werden, dass Welthunger, medizinische Versorgung und Bildung positive Entwicklungen genommen haben. – Es ist richtig, dass weder der Umfang der Rohstoffvorkommen noch die technischen Entwicklungsmöglichkeiten vor vierzig Jahren richtig eingeschätzt werden konnten, somit ein zeitlicher Rahmen der Prognosen schwer abzustecken war. Falsch waren sie dennoch nicht. Dass es gelang, die ökologischen Tragfähigkeitsgrenzen der Erde bislang relativ unbeschadet zu überschreiten, kann kein Grund zur Entwarnung sein, denn täglich werden die fatalen Entwicklungen sichtbarer. Meinhard Miegel fasst sie zusammen: »die Erwärmung der Erdatmosphäre einschließlich klimatischer Veränderungen, überdüngte und zugleich ausgelaugte Böden, schrumpfende und weithin kränkelnde Wälder, gestörte Phosphathaushalte, übersäuerte Flüsse, Seen und Ozeane, dezimierte Fischbestände, ein rapider Artenschwund […] Die Menschheit, mit den entwickelten frühindustrialisierten Ländern an der Spitze, überfordert aber nicht nur das Ökosystem der Erde. Darüber hinaus  verbraucht sie auch zügig nichtregenerierbare Ressourcen wie Kohle, Öl, Gas, Phosphat, Erz, Seltene Erden und vieles andere, ohne dass es einigermaßen realistische Vorstellungen gibt, was künftig an ihre Stelle treten könnte. Diese Gedanken sollen sich andere machen!«[2]

Was nicht ganz richtig ist – die Gedanken macht man sich auch heute, viele tun dies. Aber, wie der mit Ressourcen- und Umweltpolitik beschäftigte Politologe Ulrich Brand einschätzt, »die Rede von den ökologischen Grenzen des Wachstums ist seit vierzig Jahren nicht mehr als ein geflügeltes Wort.«[3] Auch Christiane Kliemann konstatiert »die Unterordnung jeglicher gesellschaftlicher Interessen unter das Primat von Wettbewerb und Wachstum: Sozialabbau, Ausbeutung im globalen Süden, Klimawandel, Artensterben, Peak Oil, Degradierung von Böden, Ressourcenkrisen und -kriege – alles zweitrangig im Angesicht der Gefahr, dass die Wirtschaft aufhört zu wachsen oder das eigene Land im globalisierten Wettbewerb verliert.«[4]

Alles in allem hat sich also an der Situation, die Erhard Eppler beschreibt, seit damals wenig geändert. Die Dringlichkeit, mit der ein Umsteuern von Wirtschaft und Politik geschehen müsse, scheint rückblickend überschätzt. Auch finden sich Prognosen, bei denen er das künftig Machbare offensichtlich unterschätzte:

Aber auch die Ferienreise nach Bangkok oder Nairobi wird die Ausnahme bleiben: Solcher Massentourismus scheitert am Ener­giemangel und an den Energiekosten, und wäre dem nicht so, wer wollte – gegen den Widerstand der Anwohner – einige Dutzend neuer Flugplätze dafür schaffen? Und selbst wenn es schließlich gelänge, unsere Republik in Flugplätze, Parkplätze, Müllplätze und allenfalls Golfplätze einzuteilen, so würden die Meteorologen Einspruch erheben, weil schon die heute fliegen­den Düsenmaschinen die Atmosphäre auf eine für das Klima gefährliche Weise verschmutzen. (S. 24)

Man mag dies als mangelnde Phantasie oder fehlenden Fortschrittsglauben bezeichnen; ich sehe in dieser Prognose eher die Zuversicht, dass die Menschen so vernünftig sein werden, Umwelt und Ressourcen nicht weiter zu plündern, nur um ihrer Reiselust zu frönen. Mit diesem Optimismus lag Erhard Eppler allerdings gehörig daneben.

Die Krise der Politik

Dabei hätte er es ahnen müssen, denn die Ursachen werden von ihm selbst ja ausführlich beschrieben:

Entwicklungsplaner unterstellen gern, dass das Vernünftige, ist es erst erkannt, auch getan werde. Dem ist natürlich nicht so. Regierungen verwenden immer den größeren Teil ihrer Energie darauf, sich an der Macht zu halten. ( S. 16)

Wo es um das Überleben von Regierungen geht, sind Beiträge zum Überleben der Menschheit wenig gefragt. Und hier tut sich eine Kluft auf zwischen der notwendigen politischen Legitima­tion durch den Wähler […] und der ethischen Legitimation aus der Verantwortung dafür, ob und wie eine kommende Generation weiterleben soll. (S. 72)

Wer in einem Jahr mehr­fach um seine politische Existenz kämpfen, sich von Wahl zu Wahl mühsam über Wasser halten muss, ist natürlich versucht, die Probleme der Zukunft seinen Kindern zu überlassen. (S. 74)

Von seinen Weggefährten im politischen Lager hört man oft, Erhard Eppler sei mit den meisten seiner Ideen zu früh gewesen, weil die Zeit noch nicht reif dafür war. Ich sehe das nicht so. Ein Vordenker muss früh dran sein; wäre er seiner Zeit nicht voraus, wäre er kein Vordenker. Das Problem liegt in der Art, wie die Zeitgenossen mit diesen neuen Ideen umgehen. Meist ist es nämlich deren ignorante Arroganz, die das Schicksal der Vordenker, als Rufer in der Wüste zu enden, besiegelt. Der „Realpolitiker“ verweist gern auf seine Verantwortung für das Hier und Jetzt und auf sein scharfes Gespür für das Machbare. So ähnlich wie der Gastwirt, der „gutbürgerliche Küche“ anbietet; er mag sein Handwerk verstehen, doch ihm fehlen die Phantasie und jedweder Mut, nach Neuem, Interessantem, nach Alternativen zu suchen. Das was er tut, ist alternativlos. Er befindet sich, wie Jürgen Habermas sagte, »nicht mehr im Modus von Herausforderung und Antwort, challenge and response, sondern – wie uns die Bundeskanzlerin einschärft – im Modus von TINA: There is no alternative.«[5] Dabei muss man den Politikern zugute halten, dass es wirklich schwer ist, im Gewusel der Expertenmeinungen die Spreu vom Weizen zu trennen und sich ein wissenschaftlich begründetes Bild von den jeweiligen Problemen zu machen. Aktuell zeigt sich dies am besten bei der Klimadebatte. Das war auch damals schon so, obwohl es zu dieser Zeit – eher als heute – Usus war, dass nur unumstrittene Kapazitäten zu Experten erklärt wurden.

Zwischen dem wissenschaftlich Erkennbaren und dem politisch Machba­ren klaffen drei verschiedene Lücken: Wissenschaftler wissen oft nicht, was sie wissen sollten, Politiker wissen meist nicht, was Wissenschaftler wissen, und wissen sie es ausnahmsweise, so haben sie meist nicht den Handlungsspielraum, daraus Konse­quenzen zu ziehen. (S.72)

Erhard Epplers Ideen scheiterten am gegenwartsfixierten Denken seiner Zeitgenossen, stellvertretend durch seinen Parteigenossen und damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt, der ihn als „unser Ajatollah aus Stuttgart“ verspottete. Für ihn waren Visionen ein Grund, um zum Arzt zu gehen. Dabei stand Eppler ja mit beiden Beinen im politischen Leben und konnte sehr wohl einordnen, was real ist und wo die Grenzen der Vision liegen.

Natürlich ist dies auch eine Frage nach der Regierbarkeit von Staaten unseres Typs. Aber solange wir ein angemesseneres Sy­stem nicht anbieten können, steht der Politiker immer vor fol­genden Fragen:

  • Gibt es eine Möglichkeit, das mittel- und langfristig Nötige dem Bürger so nahezubringen, dass es auch das kurzfristig Verständliche und Akzeptable werden kann?
  • Mit wie vielen längerfristigen Aufgaben darf man den Bürger konfrontieren, ohne dass er kopfscheu sein Heil in der Reak­tion sucht?
  • Wie viel an Risiko für die kurzfristige politische Legitimation muss der Politiker auf sich nehmen, wenn er seiner längerfristi­gen Verantwortung einigermaßen gerecht werden soll? Anders gesagt: Die Frage, ob der politische Mandatsträger nur an vorhandenes Bewusstsein zu appellieren oder ob er selbst zur Bewusstseinsbildung beizutragen habe, wird aus einer Frage des politischen Geschmacks oder Temperaments zur Kardinalfrage aller Politik. (S.74)

Das alles gipfelt in der Kernfrage:

Wollen wir eine Politik, die vorhandenes Bewusstsein spiegelt, oder wollen wir durch politisches Handeln Bewusstseinsveränderungen vorantreiben? (S. 76)

Mit Blick auf sein damaliges politisches Umfeld beantwortete Eppler diese Frage so:

In einigen Jahren wird es als Kuriosität unserer Zeit gelten, dass just in dem geschichtlichen Moment prinzipieller Pragmatismus modern wurde, wo er am wenigsten den gesellschaftlichen Be­dürfnissen entsprach; dass längerfristige Programmatik just in dem Augenblick in Verruf kam, wo sie absolut unentbehrlich wurde. (S.44)

In einigen Jahren !     Gesellschaftliche Entwicklung hat eben doch eine andere Dimension.

Heute blickt Eppler mit der gleichen Skepsis auf das politische Lager und – mit resignativer Bewunderung – auf Angela Merkel, die er als komplette Antipode zu seinem eigenen Politiker-Ethos sieht:

Ich war sechs Jahre lang für Entwicklungspolitik zuständig. Und bin vor 39 Jahren zurückgetreten. Und mich plagt dieses Thema bis heute. Angela Merkel war Umweltministerin. Von dem Tag an, an dem sie dies nicht mehr war, hat sie das Thema nicht mehr gekümmert. Als Umweltministerin hat sie sich an einer Ökosteuer versucht. Als Rot-Grün die Ökosteuer einführte und sie Oppositionsführerin war, hat sie die als K.-o.-Steuer verspottet. Es ging ihr nur um Karriere, nicht um den Inhalt. Das ist bis heute so geblieben. Ihr geht die Wiederwahl über alles. Das stößt mich ab. Brandt hat für die Ostpolitik seine Macht riskiert. Schröder hat mit der Agenda 2010 seine Macht riskiert. Bei Merkel ist so etwas undenkbar. [6]

Bis heute steht für Erhard Eppler die Forderung nach einem Politiker, »der uns zu sagen versucht, wie, ginge es nach ihm, unsere Gesellschaft in zwanzig oder dreißig Jahren aussehen sollte«.[7]

Wo die Zukunft überwiegend als Chance erlebt wird, dominiert Hoffnung. Wo die Zukunft überwiegend als Bedrohung empfunden wird, als etwas Un­durchsichtiges, Undurchschaubares, Gefährliches, dominiert die Angst. […] Progressiv werden Menschen immer nur sein, wenn sie sich zutrauen, mit der Zukunft fertig zu werden, etwas aus ihr zu machen. Nostalgisch oder gar reaktionär werden sie reagieren, wenn sie das Gefühl haben, niemand wisse mehr, wie die Zu­kunft zu meistern sei. (S. 32)

Hieraus entwickelt sich ein neuer Fragestrang. Will die Politik überhaupt den progressiven Menschen? Oder will sie bewusst die Zukunft im Dunklen lassen, um ständig Raum für Angstszenarien zu haben, durch die der Status quo als etwas Erhaltenswertes erscheint. Letztendlich also die Frage nach der Standortbestimmung der Politik selbst: ist sie progressiv oder konservativ. Ein besonderes Verdienst Erhard Epplers ist hierbei die Herausarbeitung des Unterschiedes zwischen Wert- und Strukturkonservatismus.

Die eine zielt auf Strukturen: Zu bewahren sei unter allen Umständen und ohne Abstriche das ökonomische System mit seinen Machtstrukturen, zu erhalten seien die Einkommenshierarchien, auch wo sie auf skurrile Weise verzerrt sind, die Eigentumsordnung, auch wo sie dem Gemein­wohl im Wege steht, zu bewahren seien Normen des Strafrechts, auch wo sie ihren Zweck verfehlen, Formen des Welthandels, auch wo sie das nackte Leben ganzer Völker gefährden, nationale Ansprüche, auch wo die Geschichte längst darüber hinwegge­gangen ist, institutionelle Autorität, auch wo sie sich längst selbst verschlissen hat. Hier geht es offenkundig um die Konservierung von Machtpo­sitionen, von Privilegien, von Herrschaft. […] Dieser Strukturkonservatismus ist fast in allen Stücken dem entgegengesetzt, was die europäische Geschichte an christlich-konservativer Tradition hervorgebracht hat und was heute auch in Bereiche hinein ausstrahlt, die sich nicht auf diese Tradi­tion berufen. (S. 34)

Dem gegenüber steht – und dies ist ein klarerer Unterschied als der zwischen konservativ und progressiv – ein Wertkonservatismus,

dem es weniger um Strukturen als um Werte geht, der beharrt auf dem unaufhebbaren Wert des einzel­nen Menschen, was immer er leiste, der Freiheit versteht als Chance und Aufruf zu solidarischer Verantwortung, der nach Gerechtigkeit sucht, wohl wissend, dass sie nie zu erreichen ist, der Frieden riskiert, auch wo er Opfer kostet. […] Vor allem aber geht es ihm heute um die Bewahrung unserer natürlichen Lebensgrundlagen. (S. 35)

Den Strukturkonservatismus sieht Eppler als das eigentliche Problem der damaligen Zeit. Dass sich daran bis heute nichts geändert hat, wird besonders deutlich, wenn man die folgende Charakterisierung liest:

Meist besteht der geistige Fundus dieser Strukturkonservati­ven aus dem letzten Aufguss des Liberalismus der Jahrhundert­wende. Sie geben sich optimistisch, setzen nach wie vor Wachs­tum mit Fortschritt gleich, glauben an die menschliche Erfin­dungskraft, die schließlich – technokratisch – alles wieder ins Lot bringe, verwechseln Erfolg mit Leistung, sie huldigen einem extremen Individualismus, der oft in krassen Sozialdarwinismus ausartet, sie sagen Freiheit und meinen Privilegien, sie halten Gerechtigkeit für eine romantische Vokabel und sich selbst für Pragmatiker, weil sie es als Zeitverschwendung ansehen, über ihre eigenen Werturteile zu reflektieren. Dieser Strukturkonservatismus ist Ideologie im strengen Sinne der Marxschen Definition: Überbau zum Schutz und zur Recht­fertigung von Herrschaft. (S. 35)

Als Quintessenz lässt sich eine gemeinsame Interessenlage von Konservativen und Progressiven konstatieren, die aber erst einmal ins Bewusstsein zu rücken ist.

Die Wertkonservativen müssen lernen, dass Bewahrung von Werten Veränderung von Machtstrukturen unerlässlich macht. Die Progressiven müssen lernen, dass sie Machtstrukturen nur verändern können, wo sie sich auf Werte berufen können, die tief in der europäischen Tradition verwurzelt sind. (S. 41)

Lebensstandard oder Lebensqualität

Verglichen mit anderen Werken zur Wachstumskritik, die in dieser Zeit entstanden und sich lediglich der Vertiefung der Meadows-Szenarien widmeten, gehen Epplers Betrachtungen deutlich weiter. Ihm kommt es darauf an zu zeigen, dass ein Weiter so nicht nur nicht möglich, sondern auch nicht wünschenswert ist. Er bringt – als erster im deutschsprachigen Raum – den Begriff der Lebensqualität in die Debatte, in Abgrenzung zu dem ausschließlich als Wohlstandsindikator dienenden Begriff des Lebensstandards, dessen Steigerung immer an Wachstum gebunden ist.

Es ist ein Unterschied, ob man Politik konzipiert unter der Fragestellung, wie wirtschaftliches Wachstum um nahezu jeden Preis erreicht werden kann, oder ob man Lebensqualität erhalten, wiederherstellen oder verbessern will und deshalb fragt, was dies an wirtschaftlichem Wachstum nötig mache, wo dieses Wachstum stattfinden und wie es aussehen müsse. (S. 56)

Damit ist er seiner Zeit weit voraus. In der Ära Brandt spielt diese Diskussion noch eine gewisse Rolle, mit Helmut Schmidt wird sie beendet. Erst in den letzten Jahren widmet sich insbesondere die Soziologie verstärkt diesem Thema. Man hat nämlich erkannt, wie Robert und Edward Skidelsky so treffend formulieren, »Prophezeiungen, dass Seuchen und Unwetter kommen werden, sind ein altbekannter, aber ungeliebter Weg, zum Verzicht aufzufordern. Es ist freundlicher (und wahrscheinlich effizienter), den Menschen zu zeigen, dass ein weniger überladenes Leben ein gutes, erstrebenswertes Leben ist.«[8] Lebensqualität steht somit für Eppler als die bestimmende Zielgröße, an der sich die Wirtschaft und insbesondere das Wirtschaftswachstum zu orientieren haben. Das erfordert eine Umkehr der bisherigen (und überwiegend noch heutigen) Denkweise:

Abge­sehen davon, dass wir Wachstum im bisher üblichen Umfang ohnehin nicht mehr haben dürften, ist die wirkliche Frage, ob wir Wachstum anstreben wollen, um nachher überrascht festzustel­len, was dies – positiv wie negativ – für unsere Lebensqualität austrägt, oder ob wir Lebensqualität wollen und von daher entscheiden, welche Art von Wachstum – oder Nichtwachstum – wir dazu brauchen. […] Wachstum muss zur Variablen von Lebensqualität werden, wie bisher unsere Lebensqualität im Guten wie im Bösen die Variable des Wachstums war. (S. 56)

Eppler ging es insbesondere darum zu zeigen, dass Wachstum nicht nur deshalb an seine Grenzen gerät, weil Natur und Ressourcen überlastet werden, sondern weil der Wohlstand auch immer stärkere Belastungen für die Menschen selbst mit sich bringt.

Die Zigarette des einen ist doch der Kopfschmerz des anderen, das Auto des einen die Atemnot des anderen, der Motormäher des einen die Nervensäge des anderen. Schon weil dem so ist, können Lebens­standard und Lebensqualität nicht parallel laufen. Und sie tun dies umso weniger, je höher der Konsum ist. (S. 49)

Inwieweit aber muss und darf aus diesen Gründen in die persönlichen Freiheitsrechte eingegriffen werden? Als liberalem Denker war ihm natürlich klar, dass die Einflussnahme des Staates hinter der Selbstbestimmung des Bürgers zurückstehen muss. Entlässt das aber den Staat aus seiner ethischen Verantwortung?

Keine Regierung und kein Gesetz kann dem einzel­nen verbieten, seine Gesundheit zu ruinieren. Aber der Staat muss all denen optimale Angebote machen, die dies nicht im Sinn haben. Kurz: Politisches Handeln zielt auf die Qualität der Lebensbe­dingungen, nicht auf die Qualität des einzelnen Lebens. Es vernebelt die wirklichen Fragestellungen, wenn der Eindruck erweckt wird, hier sollten den Menschen ihre Lebenschancen verabreicht, zugeteilt werden. Es geht darum, dass sie mit ihrer Freiheit etwas anfangen können, dass die formale Freiheit der Entscheidung zu einer realen Freiheit der Wahl zwischen ver­schiedenen Möglichkeiten humaner Verwirklichung wird. (S.53)

Dieses Dilemma – Eigenverantwortung gegen staatliche Normen – bestimmt (und behindert) die Diskussion bis heute. Wer die Verantwortung des Staates als ethische Instanz einfordert, wird schnell in die Ecke der Freiheitsfeinde gestellt. Jürgen Habermas meint: »In Zeiten, wo die wirtschaftlichen Imperative von Nutzenmaximierung und Leistungssteigerung bis in die Kinderstube vordringen und die halbe Lebenswelt kolonialisieren, geraten moralische Forderungen schon als solche in den Verdacht eines unpassenden Idealismus[9]  Entsprechend zaghaft wird deshalb das an sich Unumgängliche eingefordert. Tim Jackson, einer der prominentesten Wachstumskritiker, weist zwar nach, wie existentiell wichtig es ist, »unser Streben nach einem guten Leben mit den Grenzen eines endlichen Planeten zu versöhnen.« Auf dem Weg, dies umzusetzen, betont er aber, »dass Versuche einer Gruppe, eine andere zum Verzicht auf materiellen Reichtum zu bewegen, moralisch fragwürdig sind[10] Laut Skidelsky kommt es deshalb darauf an, zwischen Bedürfnissen (Basisgüter) und Begierden (Statuskonsum) zu unterscheiden. Die Abgrenzung darf aber nicht unter moralischen Aspekten erfolgen, denn »die Liste der Basisgüter umgibt eine Aura von Willkür.« Für die gesellschaftliche Akzeptanz solcher Wertungen ist es also unumgänglich, ihnen eine rationale, empirisch begründete Basis zu geben. Nur dann ist die Einflussnahme des Staates hinnehmbar und wahrscheinlich doch unverzichtbar.

Für Erhard Eppler steht auch heute (2012) fest, dass dieser Weg nicht verordnet, sondern nur im gesellschaftlichen Dialog beschritten werden kann. »Wenn man Lebensqualität messen will, dann braucht man ziemlich viele Indikatoren; dann muss man in einer Gesellschaft lange über diese Indikatoren diskutieren und sich dann auf vielleicht 15 oder 20 einigen.« Und er sieht, dass mit der Erreichung von Wachstumsgrenzen ganz zwangsläufig neue Werte und Ziele ihre Formulierung finden werden. »Ich glaube, dass das Wachstumsdenken nicht einfach ein Vakuum hinterlassen kann. Da muss etwas Neues einfließen […] dann muss man doch seine Politik immer noch erläutern, und da bleibt dann wahrscheinlich gar nichts anderes übrig als das Konzept einer Lebensqualität.«[11] Doch bis jetzt sind wir nicht so weit, dass Wachstumsdenken der Vergangenheit angehört. Und dass es dazu kommt, ist vorerst nicht absehbar. Dagegen stehen zu mächtige Interessen und ein nationalstaatlicher Filz, der unentwirrbar scheint. »Wachstum als Ziel führt zum Primat der Ökonomie über eine Politik, deren Pflicht es ist, die wirtschaftlich Mächtigen bei Laune zu halten. Das ist heute noch schwieriger als vor dreißig, vierzig Jahren, weil die Finanzmärkte und die Ratingagenturen die Richtlinien der Politik bestimmen. Wahrscheinlich ist der Primat der Politik nationalstaatlich nicht mehr zurückzugewinnen, sondern nur noch durch einen gemeinsamen europäischen Willen – und damit eine gemeinsame Politik des selektiven Wachstums.«[12]

Freiheit, Gleichheit, Solidarität

Für Erhard Eppler setzen alle politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen, die den neuen Herausforderungen begegnen wollen, eine vorherige Einigung auf Grundwerte voraus. Ihm genügt es nicht, ein wohlfeiles Bekenntnis zu Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität auszusprechen. Vielmehr muss sich die politische Position des Einzelnen in der Interpretation dieser Begriffe ausdrücken, in der Wichtung der Grundwerte und in ihrem Verhältnis zueinander. Dies betrifft vor allem den Umgang mit einander oft gegenläufigen Freiheits- und Gleichheitsbestrebungen.

Ob man Freiheit und Gerechtigkeit als Gegensätze sieht, von denen eines nur auf Kosten des anderen zu haben sei, oder als Zielset­zungen, die einander stützen, macht heute den Unterschied zwi­schen rechts und links aus. S. 57

Diese –  fast am Rande getroffene –  These ist ein bemerkenswerter Beitrag zur uralten Begriffsdiskussion über Rechts und Links. Hier ist nicht der Platz dafür, aber es lohnt sich, den Gedanken weiter zu verfolgen.

Wirkliche Freiheit ist für Erhard Eppler die Wahlmöglichkeit zwischen Alternativen.

Politisch wird darüber entschieden, ob wir frei reden, schreiben, lesen, reisen, unseren Arzt, unsere Information, unsere Hobbies, unser Verkehrsmittel, unseren Beruf, unseren Arbeitsplatz, unseren Verein, unsere Gewerkschaft, unsere Partei frei wählen können. Politisch realisierbare Freiheit ist also primär freie Wahl zwischen Alternativen, seien es Heilmethoden, Bildungsangebote oder Religions-gemeinschaften. Politisch relevante Freiheit zielt also auf Selbstverwirklichung in der Gemeinschaft, meist durch bewusste Entscheidung für die dem einzelnen oder der Gruppe gemäße Alternative. Verwirklichung des Humanen geschieht nicht durch formal verbürgte Freiheiten. Sie ist nur möglich, wo Alternativen, Wahlmöglichkeiten praktisch bestehen.

Doch diese „Freiheit zu“ ist gebunden an „Freiheit von“, und hierin liegt Epplers tiefes Gerechtigkeitsverständnis begründet.

Wenn ein Junge Hilfsarbeiter werden muss, weil die Eltern den Lohn des Fünfzehnjährigen nicht entbehren können, so hilft ihm die verbürgte Freiheit der Berufswahl wenig. Manches Kind, das in einer entlegenen Gegend aufwächst, kann faktisch eben nicht zwischen verschiedenen Bildungsangeboten wählen. […] Freiheit von Hunger, von Angst um die nackte Existenz, von Furcht vor Alter oder Arbeitslosigkeit, Freiheit von Bevormun­dung sind simple Voraussetzungen für jede Selbstverwirklichung in Freiheit und durch Freiheit. Freiheit von etwas ist das notwendige Vorspiel zur Freiheit zu etwas. (S. 58)

Etwas unwillig greift er in die Gleichheitsdebatte ein, weil die immer auf ideologischem Feld ausgetragen wird. Seit der Aufklärung sehen sich die Verfechter größerer Gleichheit mit demagogischen Argumenten konfrontiert.

Der Wille zur absoluten Gleichheit ist eine ideologische Vogel­scheuche, die immer wieder einmal zur Warnung aufgestellt wird, wenn es um die Privilegien weniger geht. Absolute Gleich­heit gäbe es – glücklicherweise – auch dann nicht, wenn wir sie wollten. Aber es gibt die gleichwertige Chance humaner Ver­wirklichung. In ihr treffen sich Gerechtigkeit und Freiheit. (S. 59)

Die Gerechtigkeit, die aus der Klammer Freiheit & Gleichheit erwachsen sollte, charakterisiert er mit Worten, die heute unverändert Gültigkeit haben.

Wenn schon das Wachstum nicht mehr dafür sorgen kann, dass jeder einmal drankommt, muss erst einmal der Nachholbedarf da gedeckt werden, wo er – aus welchen Gründen auch immer – entstanden ist. Abgesehen davon, dass dies ökonomisch vernünf­tig ist, ist es politisch notwendig. […] Eine Verringerung der Einkommensunterschiede wird zu einer Forderung der politischen Vernunft. Dies bedeutet:

  • Reale Einkommenszuwächse sind in den nächsten Jahren auf die Gruppen zu konzentrieren, die einen starken Nachholbe­darf an Konsum haben.
  • Die Einkommen der Mittelgruppen sind in ihrer Kaufkraft abzusichern.
  • Spitzeneinkommen, die das Fünffache eines Facharbeiterloh­nes übersteigen, sind am nominalen Wachstum der Einkom­men unterproportional zu beteiligen. (S. 80)

Erkenntnisse, die in jüngeren Forschungen, u.a. von Wilkinson u. Pickett oder Piketty, auch empirisch belegt wurden. Lange vor ihnen, zu einer Zeit, als die Dimension heutiger Einkommensunterschiede nicht vorstellbar war, erkannte Erhard Eppler:

Wenn in dem rauheren Klima der kommenden Jahre etwas die Marktwirtschaft diskreditieren kann, dann ihre Unfähigkeit, of­fenkundig unsinnige Einkommensdifferenzen zu beseitigen. (S.81)

Es gibt wohl kein Feld, auf dem sich die von Eppler skizzierten Missverhältnisse in den darauffolgenden Jahren so sehr verschärft haben. »Nach fast drei Jahrzehnten marktradikaler Hegemonie« sieht er heute (2011), dass wir sogar »eine partielle Umwertung der Werte […] über uns haben ergehen lassen«, die sogar »Spuren in unserer Sprache hinterlassen hat«. Was er damit meint, ist der Umgang mit dem Wort Leistung, welches zur Legitimation von exorbitant gestiegenen Einkommensunterschieden herangezogen wird. Indem Leistung mit Erfolg gleichgesetzt wird, werden die Erfolgreichen zu Leistungsträgern deklariert und somit suggeriert: »Wenn die wirtschaftlich Erfolgreichen schon so viel an Leistung auf Ihren geschundenen Schultern getragen haben, darf man sie nicht auch noch mit höheren Steuern belasten[13]

Auch dem dritten Element des Dreigestirns „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ widmet sich der Autor, wobei für ihn Solidarität die zeitgemäßere begriffliche Entsprechung ist. Denn er sieht darin eine zu pragmatische Seite, als dass der verklärende Brüderlichkeitsbegriff angebracht wäre. Mittels des Hegelschen Aufhebungsbegriffs zeigt er:

Insofern hat Solidarität das Eigeninteresse nicht geleugnet, sondern im dreifachen Wortsinn »aufgehoben«, bewahrt, auf eine höhere Stufe gehoben und damit in seiner nackten Form abgetan. Solidarität war in der Arbeiterbewegung immer auch Mittel zur gemeinsamen Selbstbehauptung. (S. 63)

Vor allem wehrt er sich gegen das mildtätige Element im Solidaritätsbegriff. Für ihn bedeutet Solidarität, soziale Disbalancen nicht zu mildern, sondern gegen ihr Entstehen anzukämpfen.

Meint Solidarität den Unfallwagen, der rasch und hygienisch einwandfrei jeden abschleppt, der unter die Räder unserer Konkurrenzgesellschaft gekommen ist? Oder verlangt Solidarität den Versuch, die Strukturen unserer Gesell­schaft so zu verändern, dass weniger Menschen unter diese Räder kommen? (S.65)

Hier entscheidet sich auch, ob wir eine Gesellschaft werden, in der eine schrumpfende Mehrheit von Gehetzten damit beschäf­tigt ist, die wachsende Minderheit derer durchzubringen, die nicht mehr mithalten können, oder ob wir jedem die Chance geben wollen, seinen Beitrag zu leisten, etwas Nützliches für die Gesellschaft zu tun. (S. 66)

Nichts passiert: Bildung

Eng verbunden mit dieser Problematik ist die Bildung, denn sie könnte das zentrale Instrument zur Herstellung von Chancengleichheit sein. Doch Eppler stellt klar:

Weil in der Schule entschieden werden soll, an welcher Stelle der Einkommenshierarchie der junge Mensch seinen Platz finden soll – oder gar, ob er überhaupt einen Platz findet -, wird solidarisches Denken und Handeln schon im Klassenzimmer zum Traum von Romantikern abgewertet. (S. 125)

Die Probleme konnten in diesem Buch nur gestreift werden; Zeitgenossen, wie Ivan Illich, haben sich eingehender mit dem Thema befasst. Deshalb an dieser Stelle nur eine Folge von Zitaten, die Epplers Position zeigen und die belegen, dass sich seither nichts, aber rein gar nichts zum Besseren gewendet hat.

Die Bereitschaft und der Wille, in sachli­cher Diskussion mit andern zu einer klaren Entscheidung durch­zustoßen, könnte wichtiger werden als der Ehrgeiz, andere durch Leistung zu überflügeln. Der Mut, unpopuläre Erkennt­nisse zu vertreten und umzusetzen, könnte mehr zur Mangel­ware werden als die Fähigkeit, möglicherweise unbrauchbaren Wissensstoff anzuhäufen. Wo unvermehrbare Ressourcen knapp werden, wo winzige Gruppen, wenn sie ihre Interessen rücksichtslos durchsetzen wollen, die komplexe Apparatur einer Industriegesellschaft lahmlegen können, dürfte solida­risches Handeln zur Voraussetzung für humanes Überleben werden. Kurz: Für unsere Kinder könnte genau das wichtig werden, was sie in unseren Schulen und Universitäten nicht lernen, gele­gentlich sogar verlernen, wenn sie es anderswo gelernt haben. (S. 127)

Um ein beliebtes Missverständnis gleich auszuscheiden: Hier wird nicht gegen Leistung argumentiert. Ein gesundes Kind will etwas leisten, es will an seiner Leistung wachsen. Nur: Wir verwechseln Leistung mit Erfolg, und Erfolg wird in unserer Gesellschaft meist in Mark und Pfennig gemessen, oder doch in der Anwartschaft darauf. (S. 128)

Aus solchen Einsichten ergeben sich als Zielvorstellungen:

  • Die Schule muss vom Druck eines perfektionierten Berech­tigungswesens entlastet werden. Den Entscheidungen der Schule muss der Charakter des Endgültigen, Unwiderruflichen genommen werden.
  • Wenn weder die Schule noch die Hochschule den jungen Men­schen mit dem Wissen ausstatten können, das er in seinem Arbeitsleben braucht, ist es unsinnig, ihn mit Stofffülle zu über­fordern.
  • Die Chance zur periodischen Weiterbildung im Laufe eines Arbeitslebens ist für den einzelnen und die Gesellschaft wichti­ger als eine ununterbrochene Ausbildung von fünfzehn oder zwanzig Jahren, die ohnehin nur wenigen zugute kommen kann.
  • Erziehung zu solidarischem Handeln und demokratischer Mit­verantwortung muss denselben Rang haben wie die Vermitt­lung von Wissen.
  • Die Schule muss sich zur Familie hin, die Familie zur Schule hin öffnen. (S. 129)

Wir tun gut daran, von Bildungsreformen keine Wunder zu erwarten, zumal Bildungssysteme den Erfordernissen der Zeit immer hinterherhinken. Aber wir brauchen eine Perspektive, um die Resignation zu überwinden, die sich wie Mehltau über die Bildungspolitik gelegt hat. Wir brauchen eine Perspektive, die vielen vernünftigen Einzelmaßnahmen ein Ziel setzt: ein flexibles Bildungssystem, das, fehlerhaft wie alle Bildungssysteme, den Erfordernissen der Zukunft besser entspricht als das beste­hende. (S. 133)

Zu stark oder zu schwach? – der Staat

Was sich wie ein roter Faden durch alle Schriften Erhard Epplers zieht, ist die paradoxe Erscheinung, dass der Staat dort zu schwach ist, wo er stark sein sollte, und dass er andererseits Kraft und Fülle zeigt, wo die Menschen sich durchaus selbst zu helfen wüssten.

Es ist keineswegs sicher, ob die staatlichen Organe einer demokratisch verfassten Gesellschaft in der Lage sein werden, das Notwendige rechtzeitig machbar zu machen. Es ist keineswegs auszuschließen, dass diese Gesell­schaften mit den Aufgaben der nächsten Jahrzehnte nicht fertig werden. Da hilft auch nicht der Ruf nach dem »starken Staat«. Worin soll die Stärke bestehen? In einer starken Bürokratie? Diese ist möglicherweise schon zu stark, setzt eigene Interessen durch und wird zunehmend zu einem eigenen Machtfaktor. Im übrigen: Wer die Fäden kennt, die zwangsläufig zwischen Bürokratie und Interessengruppen spielen, wird von einer stärkeren Bürokratie nicht schon die Durchsetzung des Allgemeininteresses erwarten. (S. 152)

Während er sich in „Ende oder Wende“ mehr dem zu starken Staat widmet, wechselt seine Sichtweise später (2005), als er die aus der Globalisierung erwachsende Gefahr der Schwächung des Staates erkennt. »Was die Handlungsfähigkeit der Regierungen einschränkt, […] ist die globale Mobilität des Kapitals.« Der Staat müsse mehr sein, als »die Bratpfanne, in der Ökonomen ihre Schnitzel braten und gleichzeitig darüber reflektieren können, wie und wo sie zu einer billigeren Pfanne kommen[14]

Die später in „Auslaufmodell Staat“ ausführlich dargestellten Gefahren, die aus einem schwachen Staat erwachsen, klingen hier schon an:

Je schwächer nationale Regierungen nach innen werden, desto starrer werden sie nach außen. Die Schwäche des Nationalstaats führt nicht zum Aufbau internationaler Entscheidungsstrukturen, sondern zum rück­sichtslosen Gegeneinander nationaler Interessen und damit mög­licherweise auch zur Krise internationaler Institutionen. (S.21)

Das kommt uns doch sehr vertraut vor! Ebenso seine Warnung vor zunehmendem Terror, dessen Ursachen er schon damals klar sieht:

Wenn die Zahl der jugendlichen Arbeitslosen in der Dritten Welt in demselben Tempo weiter ansteigt wie in den letzten Jahren, dürften wir einen Terrorismus erleben, der die Liberalität unse­res demokratischen Rechtsstaates rasch unterspült. Es ist durch­aus möglich, dass wir die Realität von Weltinnenpolitik in der Form eines Weltbürgerkrieges erfahren. (S. 134)

Es ist diese dialektische Denkart, die im öffentlichen Diskurs heutiger Tage fehlt, ebenso wie die Bereitschaft, nach den einfachen Ursachen zu suchen, einfache und klare Zusammenhänge herzustellen, ohne sie zu simplifizieren. Man tut sich eben leichter mit Populismus. Assoziationen zu den Politikern unserer Tage drängen sich auf, wenn der Autor feststellt:

Solange der Appell an nationalen Egoismus und provinzielle Beschränktheit Mehrheiten verheißt – und dies ist normalerweise der Fall -, wird es in der Regel auch Politiker geben, die diesen bequemen Weg zur Macht zu gehen versuchen. Und wenn auch nur die Gefahr besteht, dass einer dies tut, ist für die anderen die Versuchung groß, ihm zuvorzukommen. (S. 72)

Was daraus erwächst, sehen wir heute in der Zunahme völkischer Bewegungen mit demagogisch auftretenden Führern. Es fehlt die zukunfts- und grundwerteorientierte Politik. So wie damals

drangen in das Vakuum der Sachkonflikte pseudo-ideologische Parolen ein, die den Grundpakt (Walter Dirks) zerstören müssen, auf dem der Staat des Grundgesetzes ruht. Weil wir uns vor den Konflikten der Zukunft drücken, suchen uns die Gespenster der Vergangenheit heim. (S. 160)

Um der Schwächung des Staates in seinem Verhältnis zur Wirtschaft sowie einer sich verselbständigenden Bürokratie ein wirksames Korrektiv entgegensetzen zu können, baut Erhard Eppler auf eine starke Zivilgesellschaft,

weil sonst im unvermeidli­chen taktischen Spiel um die Macht die entscheidenden Probleme so lange umgangen und kaschiert werden, bis sie uns endgültig über den Kopf gewachsen sind. […] Natürlich kann es nicht darum gehen, Parteien und Parlamente aus ihrer Verantwortung zu entlassen oder gar herauszudrängen. Aber die Parteien, Parlamente oder Regierungen, die aus eigener Intuition Gesellschaft formen, gibt es wohl nur im staatsbürger­kundlichen Bilderbuch. (S. 155)

Abschließend beleuchtet der Autor Machbarkeit und Chancen der von ihm angemahnten Veränderungen. Er möchte den Eindruck vermeiden, dass er sich Utopien hingegeben hätte.

Was hier vorgeschlagen wird, bedarf keiner Verfassungsände­rung. Es lässt sich, wenn man will, innerhalb dessen verwirkli­chen, was man unser »System« zu nennen pflegt, auch wenn dabei die Elastizität des Systems auf die Probe gestellt wird. […] Aber dies alles verlangt einen zähen Willen zur Reform, der weit jenseits dessen angesiedelt sein muss, was von 1969 bis 1973 an naiver Reformbegeisterung und seit 1973 an verstockter Reformfeindlichkeit spürbar wurde. […] Wenn es ein Experiment gibt, das mit absoluter Sicherheit misslingen wird, so ist es der Versuch, wieder nach dem Motto »Keine Experimente« zu handeln. (S. 150)

Dabei setzt er vor allem auf die Menschen, in deren Köpfen sich die Einsicht in das Notwendige festigen würde.

Man wende nicht ein, hier sei ein allzu optimistisches Menschenbild im Spiel. Hier geht es nur um die Einsicht, dass auch und gerade autoritäre Herrschaftseliten sich mehr auf die Zukunft ihrer Herrschaft als auf die Zukunft der Menschheit zu konzentrieren pflegen. Wie immer man die Chan­cen humanen Überlebens einschätzen mag: Wo Demokratie de­montiert wird, werden sie geringer, wo Demokratie lebendiger, dichter, spannender wird, werden sie größer. (S. 153)

Die Literatur von damals zeigt aber auch, dass die Zeiträume, in denen Bewusstseinswandel stattfindet, früher viel optimistischer beurteilt wurden.

Es gibt un­zählige Menschen, die das Gefühl haben, ihr Lebensstil entspre­che nicht mehr den Notwendigkeiten unserer Zeit. Jetzt begin­nen sie sich zu sammeln und zu Wort zu melden. (S. 154)

Dieses Sammeln mag in Teilbereichen stattgefunden haben, aber bis heute nicht in dem Maße, dass man es als Ausdruck eines breiten Umdenkens werten könnte. Trotz alledem, die Hoffnung stirbt zuletzt; ansonsten bliebe nur Resignation.

Wer die Reformunfähigkeit unserer Gesellschaft aus der These ableitet, der Staat sei nun einmal nicht mehr als der Agent des Monopolkapitals, lässt nur die Alternative zwischen Revolution und Resignation. Und da Revolution in dieser Gesellschaft unmöglich, Resignation aber bequem und billig zu haben ist, bleibt es schließlich bei der Resignation. (S. 151)

Im Vorwort schreibt Erhard Eppler:

Wer dieses Buch – genau wie der Autor – in vieler Hinsicht unvollkommen findet, ist aufgefordert, mehr und Besseres zur Schließung der Lücken zu tun, aus denen uns und unseren Kin­dern Gefahr droht.

Uns bleibt festzustellen: die Lücken sind nicht geschlossen, den Kindern drohte Gefahr, doch sie wurden darunter erwachsen, haben selbst Kinder und sehen nun diese von Gefahr umgeben. So könnte sich die Frage stellen, ob es nicht ein ewiger Kreislauf ist, der immer neue Gefahren vor der Menschheit auftürmt und sie mit deren Beseitigung beschäftigt hält. Ob es vielleicht in der Natur des Menschen liegt, überall Gefahren zu sehen, statt sich mutig auf neue Herausforderungen einzulassen? Diese Frage mag berechtigt sein, andererseits könnte sie die Aufforderung „Weiter so“ suggerieren. Deshalb darf sie nur streng rational und stets am konkreten Fall beantwortet werden.

Wer es mit der Angst aufnehmen und Hoffnung wecken will, darf weder in den Verdacht kommen, er habe sich mit der Sintflut nach ihm schon abgefunden, noch darf er den Eindruck erwecken, er flüchte sich aus der bösen Gegenwart in Träume einer schöneren Zukunft: er muss zuerst und vor allem die Wahrheit sagen. Er muss glaubhaft machen, dass er den Willen hat, es mit den Krisen seiner Zeit aufzunehmen, und, ausgehend von ein­leuchtenden Maßstäben und Grundwerten, keine rosige, aber doch eine menschliche Zukunft vorzubereiten. (S.33)

Altbundespräsident Gustav Heinemann schrieb als Kommentar zu diesem Buch:

Ist das Notwendige machbar? Der Widerstand derer, die Machtpositionen und Privilegien bedroht sehen, wird erbittert sein. Die Kette von jeweils zwölf Landtags- und Bundestagswahlen mit vordergründigen, auf Regierungsmacht zielenden Wahlparolen lässt wenig Besinnung auf das Wesentliche aufkommen. [15]

Was sagt Erhard Eppler vierzig Jahre später? Einiges davon ist diesen Text bereits eingeflossen. Hier zum Abschluss noch zwei Kernsätze:

Wer Wachstum zum Ziel macht, muss auf die Märkte setzen. Wer klären will, was wachsen oder schrumpfen soll, muss Politik wagen. Wir brauchen einen öffentlichen Diskurs über Felder des Wachstums und der Schrumpfung. [16]

Ich bin seit etwa zehn Jahren zu der Überzeugung gekommen, dass die große Gefahr des 20. Jahrhunderts die überbordende Macht des Staates war; und dass die große Gefahr des 21. Jahrhunderts der handlungsunfähige, hilflose, erpressbare Staat ist. [17]

 


[*] Zitat Erich Fromm: »Es ist zwar unmöglich, hier alle radikalen Humanisten seit Marx anzuführen, einige Beispiele ihres Denkens seien jedoch im folgenden angeführt: Thoreau, Emerson, Albert Schweitzer, Ernst Bloch, Ivan Illich; die jugoslawischen Philosophen des »Praxis«-Kreises, darunter M. Marcovic, G. Petrovic, S. Stojanovic, R. Supek, P. Vranicki; der Nationalökonom E. F. Schumacher; der Politiker Erhard Eppler …« („Haben oder Sein“ 1976)

[1] Seitenzahlen der Zitate beziehen sich auf die Taschenbuchausgabe dtv München

[2] Meinhard Miegel „Hybris. Die überforderte Gesellschaft“ Berlin: Propyläen 2014

[3] Ulrich Brand „Das bornierte Streben nach Profit“ faz 27.07.2014

[4] Christiane Kliemann „Wir haben es satt – es ist Zeit für eine neue soziale Bewegung“ http://www.blog.postwachstum.de 15.01.2015

[5] Jürgen Habermas „Im Sog der Technokratie“ Frankfurt: Suhrkamp 2013

[6] Erhard Eppler „Ich habe nie viel von Moral geredet“ http://www.taz.de 23.05.2013

[7] Erhard Eppler „Privatisierung der politischen Moral?“ Frankfurt: Suhrkamp 2000

[8] Robert und Edward Skidelsky „Wie viel ist genug?“ München: Kunstmann 2013

[9] Jürgen Habermas „Vom Schwinden der Solidarität“ http://www.rp-online.de , 10.12.2012

[10] Tim Jackson: „Wohlstand ohne Wachstum“ München: oekom 2012

[11] Erhard Eppler „Der Marktradikalismus als Verheißung ist tot“ http://www.albanknecht.de 16.04.2012

[12] Erhard Eppler „Ein Vierteljahrhundert wurde verschlafen“ http://www.stuttgarter-zeitung.de 25.11.2011

[13] Erhard Eppler „Eine solidarische Leistungsgesellschaft“ Bonn: Dietz 2011

[14] Erhard Eppler „Auslaufmodell Staat?“ Frankfurt: Suhrkamp 2005

[15] Gustav Heinemann „Strategie des Überlebens“ DER SPIEGEL 21/1975

[16] Erhard Eppler „Politik muss umsteuern“ http://www.denkwerkzukunft.de 11.08.2010

[17] Erhard Eppler „Ich kann kein Brot wegwerfen“ Süddeutsche.de 17.05.2010

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s