Freude, schnöder Götzen Funkeln. Klassiker-Stimmen zur Europawahl

Sorgenwolken ziehen auf am politischen Horizont Europas. Es geht um die Wahlbeteiligung bei der Europawahl, die seit 1979 konstant gesunken ist und nun droht, gegen Null zu driften. Höchste Zeit, nach Integrationsfiguren zu suchen, die bereit sind, für ihre Ideale in den Wahlkampf zu ziehen. – Klaus Fürst reist zur Buchmesse nach Leipzig und hat dort Gelegenheit, mit einigen glühenden Europäern zu sprechen.

Ich schlendere durch die Gänge der Ausstellung und sehe mich nach prominenten Autoren um, die ich für meine Pläne gewinnen kann.

Aber da ist ja Friedrich Schiller!
Herr Schiller, seit Sie die Hymne für Europa schrieben, hat sich viel ereignet. Sicher sind Sie glücklich, dass der Traum von einem geeinten Kontinent in greifbare Nähe gerückt ist.

So lange aber der oberste Grundsatz der Staaten von einem empörenden Egoismus zeugt, und solange die Tendenz der Staatsbürger nur auf das physische Wohlsein beschränkt ist, so lange, fürchte ich, wird die politische Regeneration, die man so nahe glaubte, nichts als ein schöner philosophischer Traum bleiben.

Aber ist das nicht ungerecht? Viele Menschen haben sich für diesen Traum eingesetzt.

Der Feigen waren mehr, denn der Streitbaren, der Dummen mehr, denn der Klugen – Mehrheit setzte durch.

Soll das etwa unsere Demokratie in Frage stellen. Mehrheitsentscheidungen sind nun mal das Fundament einer freiheitlichen Grundordnung.

Die Mehrheit? Was ist die Mehrheit? Mehrheit ist der Unsinn, Verstand ist stets bei wen’gen nur gewesen. Der Staat muss untergehn, früh oder spät, wo Mehrheit siegt und Unverstand entscheidet.

Aber die Zeiten haben sich geändert, wir haben die Aufklärung durchlaufen, die Menschen sind mündige Bürger geworden, Recht und Freiheit geht ihnen über alles.

Der Entschluss zur Aufklärung ist ein Wagestück, welches Losreißung aus dem Schoße der Trägheit, Anspannung aller Geisteskräfte, Verleugnung vieler Vorteile und eine Beharrlichkeit des Muts erfordert, die dem verzärtelten Sohn der Lust viel zu schwer wird. Nur seine Fähigkeit, als ein sittliches Wesen zu handeln, gibt dem Menschen Anspruch auf Freiheit; ein Gemüt aber, das nur sinnlicher Bestimmungen fähig ist, ist der Freiheit so wenig wert, als empfänglich.

Viele Europäer, vor allem in den südlichen Ländern kämpfen noch immer um die nackte Existenz. Kann man ihnen da nicht verdenken, dass sie um materielle Vorteile und ein paar sinnliche Freuden ringen?

Aber diese Entschuldigung kommt denjenigen nicht zu statten, welche ein besseres Los vom Joch der Notwendigkeit entbindet, aber ihre eigene Wahl und Neigung zu Sklaven der Sinne macht.

Verstehe, das geht vor allem gegen die Deutschen. Aber, Herr Schiller, dann schreiben Sie doch Ihre Ideen in einem Buch nieder, damit die Menschen wissen, woran noch zu arbeiten ist.

Es ist jetzt platterdings unmöglich, mit irgendeiner Schrift, sie mag noch so gut oder schlecht sein, in Deutschland ein allgemeines Glück zu machen. Das Publikum hat nicht mehr die Einheit des Kindergeschmacks und noch weniger die Einheit einer vollendeten Bildung. Es ist in der Mitte zwischen beiden, und das ist für schlechte Autoren eine herrliche Zeit, aber für solche, die nicht bloß Geld verdienen wollen, desto schlechter.

In diesem Moment treten Johann Wolfgang Goethe und Christoph Martin Wieland hinzu.
Herr Geheimrat, Ihr Kollege hat keine hohe Meinung von den aufgeklärten, kosmopolitisch denkenden Menschen unserer Zeit. Wie sehen Sie das?

Wenn hinten, weit in der Türkei, die Völker aufeinanderschlagen.
Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus
und sieht den Fluss hinab die bunten Schiffe gleiten;
dann kehrt man abends froh nach Haus
und segnet Fried und Friedenszeiten.
Herr Nachbar, ja! so lass ich’s auch geschehn, sie mögen sich die Köpfe spalten,
mag alles durcheinander gehn;  doch nur zu Hause bleib’s beim alten.

Deswegen ist es so schwer, Rat zu pflegen, besonders mit der Menge, die im Täglichen ganz verständig ist, aber selten weiter sieht als auf morgen.

Bertolt Brecht geht vorbei.

Alle großen Ideen scheitern an den Leuten.

Klar muss der seinen Senf dazugeben. Ich wende mich wieder den Altvorderen zu.
Es liegt nun mal in der Natur des Menschen, dass er zuerst in den Alltagsgenüssen seine Befriedigung findet. Ist das nicht irgendwie entschuldbar; was meinen Sie, Herr Wieland?

Nicht die Natur, unsre Ungeduld, unsre Gierigkeit im Genießen, unsre Unachtsamkeit auf ihre Warnungen, ist es, was uns auf Abwege verleitet. Jede höhere Stufe, welche der Mensch betritt, erfordert eine andere Lebensordnung; und eben darum, weil der große Haufe der Sterblichen als unmündig anzusehen ist, und sich nicht selbst zu regieren weiß, muss er dieses Amt einer gesetzgebenden Macht überlassen, welche immer das Ganze übersehen, und ihren Untergebenen die danach abgemessenen Verhaltungsregeln vorschreiben soll.

Wie kann das sein – finde ich niemanden, der seine Ideale von Europa bewahrt hat? Da sehe ich von weitem Heinrich Heine. Ich will zu ihm, fragen, ob die Jungfer Europa nun endlich mit dem schönen Genius der Freiheit verheiratet ist. Doch dann verlässt mich der Mut. Wahrscheinlich wird er mir erklären, dass die beiden in Scheidung liegen.
Ich wende mich nochmal an Goethe:
Ihr Freund Schiller war doch immer ein großer Idealist, die Studenten in Jena schwärmen heute noch von ihm. Ist davon nichts übrig?
Er flüstert mir ins Ohr: „Wissen Sie, was der an seinen Freund Körner geschrieben hat?“

Könntest Du mir eine Frau von zwölftausend Talern verschaffen, mit der ich leben könnte, und die Akademie in Jena möchte mich dann im Asch lecken.

Soweit die Stimmen einiger Klassiker zum Europa-Wahlkampf. Ich überlege, welche Partei sie nun vertreten könnten? Ach ja —

Der Wecker klingelt, ich erwache aus meinem Traum.

Es kommt mein Weib, schön wie der Morgen,
und lächelt fort die deutschen Sorgen.


Quellenangabe (sehr oberflächlich, auf Anfrage gern exakt):

Friedrich Schiller: Briefe an Herzog Christian Friedrich von Augustenburg / Demetrius / Die Verschwörung des Fiesco zu Genua / Brief an Christian Gottfried Körner
Johann Wolfgang von Goethe: Faust I / Die Wahlverwandtschaften
Christoph Martin Wieland: Der goldene Spiegel
Heinrich Heine: Deutschland ein Wintermärchen / Nachtgedanken

Für stilistisch begründete Formfehler beim Zitieren bitte ich um Entschuldigung.

 

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