Vom Absaufen der Wahrheit.

Dialog, Disput und Polemik in unserer Zeit

Hier ist nicht Moskau.
Nicht Despotenfurcht schnürt hier die freie Seele zu.
Hier darf die Wahrheit wandeln mit erhabenem Haupt.

So lässt Friedrich Schiller im Demetrius einen Patrioten schwadronieren. Geschrieben vor über 200 Jahren, doch die Wortwahl und das Prinzip, die Wahrheit für sich zu reklamieren, könnten von heute sein.

Sebastian Herrmann schrieb in der Süddeutschen Zeitung einen Kommentar, der die aktuelle Situation sehr treffend charakterisiert.[1] Es wäre doch wichtig, so sagt er, über die wahnsinnig großen Herausforderungen unserer Zeit eine gesamtgesellschaftliche Diskussion zu führen, den Menschen Erkenntnisse und Forschungsergebnisse zu erklären, die sie der Wahrheit näher bringen. Doch dies sei unter der gegenwärtigen Debattenkultur ein Ding der Unmöglichkeit.

… und wer in diesem Klima ein nüchternes Argument in den Raum stellt, über das die Zuhörer auch noch etwas nachdenken müssen, kann gleich stumm bleiben: Im besten Fall hört ihm niemand zu, im schlimmsten Fall fühlt sich jemand auf die Füße getreten und dann regen sich wieder alle auf.

Wir können nicht mehr miteinander

Beobachten wir das Diskussionsverhalten in unserer Gesellschaft, müssen wir konstatieren, dass die Art des Dialogs, der heute betrieben wird, den Prozess der Meinungsbildung kaum noch von der Stelle kommen lässt, und wenn überhaupt, dann nur in Richtung des Stärkeren. Da diese Richtung nicht unbedingt schlecht sein muss, wird das Perfide der Situation leicht übersehen.

Lassen Sie uns zur Illustration den Verlauf einer typischen Fernseh-Talkshow simulieren. Es geht um das große Thema Gerechtigkeit und wie üblich wurden Vertreter der verschiedenen politischen Lager und Interessengruppen, des öffentlichen Lebens und der kleinen Leute eingeladen. Vielleicht erkennen Sie einige der Protagonisten wieder.

Der Talkmaster hat sich für die bewährte Eröffnung mittels einer Konsensformel entschieden und bringt ein Gandhi-Zitat: „Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier.“ Damit wendet er sich an den in jeder Talkshow anzutreffenden Repräsentanten der höheren Moral. Der greift es gern auf, preist Gandhi als Visionär, seiner Zeit weit voraus … und alle nicken beifällig.

Soweit ist Konsens hergestellt, denn keiner der Gäste wird dieser Einschätzung oder dem Zitat widersprechen wollen. Doch solch ein Konsens ist irrelevant, brüchig, da er nicht im Dialog entstand. Für den Philosophen Martin Buber entsteht Dialog zwischen Menschen, »die sich einander in Wahrheit zugewandt haben, sich rückhaltlos äußern und vom Scheinenwollen frei sind«.[2] Da diese Voraussetzungen in Talkshows selten erfüllt sind, und schon gar nicht alle auf einmal, sind die echten Dialogphasen in einer solchen Runde gemeinhin recht kurz. Zumal noch ein weiteres Kriterium hinzukommt: »Die Grundhaltung ist die des Lernen-Wollens und nicht die des „Schon-Wissens“«.[3] Und da hört es ja nun ganz auf!

Deshalb wird der Konsens auch recht schnell aufgebrochen.

Der desillusionierte Journalist im Ruhestand, der insgeheim noch immer darauf hofft, den Aufbruch in eine gerechtere Welt mitzuerleben, es aber vorzieht, mit abgeklärter Weisheit zu punkten, geht auf das indische Kastensystem ein. Er erklärt, dass dem ein völlig anderes Gerechtigkeitsverständnis als das unsere zugrundeliegt, und dass auch Gandhi es nicht ablehnte.

Gern steigt nun der Liberalenvertreter in die Relativierungsphase ein und stellt die rhetorische Frage, wo Bedürfnisse aufhören und wo Gier anfängt, und er antwortet auch gleich selbst: dass Gandhi sicher die Grundbedürfnisse meinte – Nahrung, Kleidung, Obdach – aber wie üppig soll die Nahrung sein, wie edel die Kleidung, wie geräumig das Obdach?

Der Dialog geht in Disput über. Es geht nicht mehr um Konsens oder ein gemeinsames Ziel, es geht um „Scheinenwollen“. In dieser Phase ist die Diskussion sogar noch recht angenehm zu verfolgen, da sich jeder bemüht, mit Wissen und Rhetorik zu glänzen. Doch auch diese, noch als zuschauenswert einzuordnende Phase währt nur so lange, bis einem der Diskutanten die Kenntnisse ausgehen oder für einen von ihnen der Bis-hierher-und-nicht-weiter-Punkt auf der Skala des ideologisch Tolerablen erreicht ist.

Die Vertreterin der Linken macht klar, dass Gerechtigkeitsgefühl sich immer an den Verhältnissen innerhalb einer Gesellschaft orientiert. Der deutsche Leiharbeiter wird sein Einkommen also nicht am mandschurischen Wanderarbeiter messen, sondern an dem der Stammbelegschaft in seinem Werk. Und da die Selbstverpflichtung der Unternehmen versagt hat, müsse der Staat regulierend eingreifen. Sofort rückt sich der Unionsvertreter die Brille zurecht und erklärt seiner Vorrednerin, dass von ihr ja nichts anderes zu erwarten war als ein Plädoyer für staatliche Planwirtschaft, aber wohin das führt, habe ja die DDR bestens unter Beweis gestellt.

Und somit haben wir die Stufe der Polemik erreicht. Sachliche Argumente machen sich rar, sarkastisch werden Sachverhalte herangezogen, die mit dem eigentlichen Thema nichts zu tun haben, alles nur um die Glaubwürdigkeit des Rivalen anzukratzen.

Aufgebracht reden Linke- und Unionsvertreter durcheinander, häufigster Satz ist „Würden Sie mich bitte ausreden lassen!“ Da der Talkmaster inzwischen einem anderen Gast das Wort erteilt hat, reden jetzt schon drei, und ein vierter wendet sich lautstark an alle übrigen, doch leider kann man nicht verstehen, was ihm am Herzen liegt. Die Sendezeit ist um. Abschließend darf noch einmal die Leiharbeiterin, die die Ehre hatte hier anwesend zu sein, ihre Hoffnungen und Wünsche an die Politiker formulieren. Die nehmen es mit ernsthaft-jovialer Miene entgegen, und die Sendung endet wie sie begonnen hat: mit Konsens, der keinen Pfifferling wert ist.

Nun braucht sich niemand zustimmend die Hände zu reiben und zu sagen Genauso! Denn die Grundstruktur des skizzierten Diskussionsverhaltens finden wir in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens. Es beginnt am Stammtisch, wo es keinen größeren Schaden anrichten kann, und setzt sich fort bis auf die Ebene der großen Entscheidungen. Betrachtet man beispielsweise die Klimadebatte, so finden sich hier die gleichen Defizite in puncto Konsensbereitschaft, nur dass es hier um nicht weniger als die Zukunft der Menschheit geht. Da werden mit Vehemenz Positionen verteidigt, widersprechende Erkenntnisse ignoriert und Gegenspieler diskreditiert, und dabei wird billigend in Kauf genommen, dass dieses Verhalten zu falschen Weichenstellungen in Politik und Wirtschaft führen kann, mit möglicherweise verheerenden Folgen.

War das eigentlich schon immer so? – Ich erinnere mich an eine Streitrunde im Fernsehen, Ende der siebziger Jahre, zwischen CDU-Generalsekretär Heiner Geißler und Gerhard Schröder, damals JUSO-Vorsitzender. Schon als junger Mensch habe ich mich für politische Diskussionen interessiert; wir hatten guten Westempfang, denn im DDR-Fernsehen war so etwas ja nicht zu ertragen. Die Sachlichkeit der Politgespräche im Westfernsehen empfand ich immer als sehr wohltuend, auch die Eloquenz, durch die sich die Gesprächspartner meist auszeichneten. Dann kam diese Sendung mit Geißler und Schröder, und ich war entsetzt. Da hieben zwei intelligente Leute in einer Art auf sich ein, wie ich es noch nie erlebt hatte. Keiner brachte einen Satz zu Ende, ohne dass der Andere dazwischenfuhr, und am Ende redeten beide mehrere Minuten lang gleichzeitig, ohne dass irgendetwas zu verstehen war. Wenn ich mich nicht irre, war dies der Startschuss für das Polittheater, wie es sich uns auch heute noch darbietet. Wir reden gern von Neuzeit, doch:

Wirklich neue Zeit wird sein, wenn es genügt, eine Wahrheit einfach und in ruhigem Ton und nur einmal auszusprechen. (Hermann Kant)[4]

Wie aber können wir zu einer neuen Dialogkultur finden, die den Weg zu fruchtbarem Diskurs bereitet? – Fragen wir die Philosophen: »Rationaler Diskurs« soll nach Jürgen Habermas »jeder Versuch der Verständigung über problematische Geltungsansprüche heißen, sofern er unter Kommunikationsbedingungen stattfindet, die innerhalb eines durch illokutionäre Verpflichtungen konstituierten öffentlichen Raums das freie Prozessieren von Themen und Beiträgen, Informationen und Gründen ermöglichen«[5]

Boah, da staunste! Aber diesem hehren Streben nach höchster Abstraktion können wir für unser Verständnis leider nichts abgewinnen, und um den Philosophen mal die Meinung zu sagen, reicht der Platz an dieser Stelle nicht aus.

Bleiben wir also am Beispiel unserer Talkshow und nehmen an, erklärtes Ziel der Sendung wäre es tatsächlich, an Lösungen für gesellschaftlich relevante Probleme zu arbeiten. (Zumindest theoretisch kann man das ja mal unterstellen.) Dann müsste sich der Talkmaster in allererster Linie als Mediator verstehen, dessen Aufgabe es ist, mit allen Beteiligten den größten gemeinsamen Nenner im Hinblick auf das formulierte Ziel herauszuarbeiten. Die Verantwortung für diese Aufgabe beginnt schon bei der Auswahl der Gesprächspartner, denn die müssen in jedem Fall durch das Ziel geeint sein. Es macht also wenig Sinn, wenn es um Fragen der Höhe und der Ausgestaltung des Mindestlohns geht, jemand einzuladen, der den Mindestlohn prinzipiell ablehnt. Dann würde die Diskussion zwangsläufig in eine ganz andere Richtung abgleiten. Dialogpartner müssen im Ziel übereinstimmen, auch bei noch so großen Differenzen in ihren Lösungsansätzen. Hieran scheitert beinahe jede Talkshow, denn um sie möglichst spektakulär zu gestalten, werden gerade die Streithähne eingeladen.

Zweite Aufgabe des Mediators ist die Verifizierung der getroffenen Aussagen. Dies beugt haltlosen Behauptungen und dem notorischen Ableugnen unangenehmer Fakten recht wirksam vor.

Jeder Diskutant ist von der Wichtigkeit der von ihm aufgezeigten Aspekte überzeugt und möchte bei den ihm wichtigen Themen verweilen. Deshalb ist die dritte Aufgabe des Talkmasters, die Relevanz der aufgeworfenen Probleme im Hinblick auf das Ziel zu bewerten und das Abgleiten der Diskussion in Details zu verhindern.

Wer interessiert sich schon für Fakten?

So wie der Talkmaster stärker die Rolle des Vermittlers übernehmen sollte, so brauchten wir auch in allen anderen Bereichen und Ebenen des gesellschaftlichen Dialogs belastbare Formen der Mediation. Theoretisch hätte das Internet mit seinen Blogs und Foren das größte Potential (bitte nicht lachen, ich spreche im Konjunktiv). Dort könnten die Positionen verschiedener Personen und Gruppierungen auf Konsensfähigkeit geprüft und letztendlich auch Verbündete gefunden werden. Leider fehlt diesen Websites in der Regel die redigierende Hand, so dass Übersicht und Stil verloren gehen und Shitstorm sich unkontrolliert ausbreiten kann. Und diejenigen, die es versuchen, erreichen nicht die Massen. Hier ein paar Beispiele für die Popularität einiger Websites (Rang in Deutschland lt. alexa.com 16.03.2018):

bild.de 25
nachdenkseiten.de 1.287
freiewelt.net 2.191
freitag.de 3.645
krautreporter.de 14.790
attac-netzwerk.de 76.737
postwachstum.de 99.960
grundeinkommen.de 217.719
solidarische-moderne.de nicht erfasst

Man sieht, je rationaler und faktischer ein Medium aufgebaut ist, desto weniger wird es in Anspruch genommen. Am zuversichtlichsten stimmt da noch der Erfolg der Nachdenkseiten. Wie schwach das öffentliche Interesse an ausgewogener Diskussion ist, zeigt folgendes Beispiel. In der Klimadebatte stehen sich seit vielen Jahren Bejaher und Skeptiker des menschengemachten Klimawandels gegenüber. Der einflussreichste Blog der Bejaher, klimaretter.info liegt lt. alexa auf Rang 20.739 in Deutschland, die Skeptiker kommen mit eike-klima-energie.eu sogar auf Rang 4.737. Beides lässt sich als gutes Ranking bezeichnen. Dagegen landet Hans von Storchs klimazwiebel.blogspot.de weit abgeschlagen in der Unendlichkeit des world wide web. Dass er sich viele Jahre bemühte, die festgefahrene Diskussion mit Sachverstand zu moderieren, stieß auf geringes Interesse. Es ist wohl leider so, wie Schopenhauer feststellte: »So unempfänglich und gleichgültig die Leute gegen allgemeine Wahrheiten sind, so erpicht sind sie auf individuelle[6]

Ähnlich verhält es sich mit sozialkritischen Büchern. Das Buch als Waffe war und ist eine Illusion. Angesichts der erzielten Auflagen kann die Theorie wohl kaum zur materiellen Gewalt werden. Selbst für die als Bestseller geführten Titel interessiert sich nur ein marginaler Teil der Menschen. Beispiele gefällig?

  • Erhard Epplers „Ende oder Wende“, ein Buch, von dem man sagte, es habe Furore gemacht, hat eine Auflage von weniger als 100.000 erreicht[7]. Die Leserschar bewegte sich also im Promillebereich der Bevölkerung.
  • In der DDR kam Jürgen Kuczynskis „Dialog mit meinem Urenkel“, dem sogar Politbüromitglieder republikfeindliche Inhalte vorwarfen, gerade mal auf 260.000 Exemplare in 10 Auflagen[8] (und es war nicht etwa vergriffen, ich habe es mir damals problemlos kaufen können). Also blieb auch dort, wo man angeblich nach systemkritischer Literatur dürstete, das Interesse nur bei Wenigen.
  • Eine der besten sozialkritischen Publikationen der letzten Jahre, das Streitgespräch zwischen Erhard Eppler und Niko Paech „Was Sie da vorhaben, wäre ja eine Revolution“ liegt bei amazon derzeit auf Bestsellerrang 243.462 (die Auflagenhöhe konnte ich leider nicht in Erfahrung bringen) und es wurden 2 Rezensionen abgegeben. Zum Vergleich: das pseudowissenschaftliche Buch von Peter Wohlleben „Das geheime Leben der Bäume“ ist noch nach 3 Jahren auf Platz 204 und hat 384 Rezensionen.

Auch Jürgen Habermas, der seit den sechziger Jahren immer wieder versucht hat, sich in die gesellschaftliche Debatte einzubringen, musste stets mit dem Vorurteil kämpfen, »dass die politische Philosophie bestenfalls eine Ressource für folgenlose Sonntagsreden ist[9]  Die Menschen interessieren sich für emotional geführte Debatten mit einfachen Antworten. Das kann die Wissenschaft nicht leisten, und daran scheitert die Aufklärung. Sebastian Herrmann bringt das in seinem bereits zitierten Kommentar auf den Punkt:

Die Forschung findet keine Sprache, um in den hitzigen Auseinandersetzungen von heute gehört zu werden … Laborbesatzungen sollen die Shitstorm-Piloten und Streithennen dieser Welt inspirieren? Klar, das ist richtig, das sollte geschehen und doch löst die Forderung nur zynische Resignation aus: Es wird nicht klappen. … sie finden keine Sprache, um diese Menschen da draußen zu erreichen. Dazu müssten sie popularisieren, vereinfachen, emotionalisieren – und das geht nur auf Kosten wissenschaftlicher Präzision. Wer die Öffentlichkeit inspirieren will, muss Unschärfe aushalten. Das aber beißt sich mit den Prinzipien der Wissenschaft …: Suche die Wahrheit. Die ist dummerweise so irre komplex, dass sie in Debatten sofort absäuft.

Dogmatiker und Populisten werden also zwangsläufig siegen. Nur anhand der Folgen ihrer Demagogie könnten sie überführt werden, doch dann ist es zu spät. Und auch dann würden sie wieder alternative Fakten zu ihrer Entlastung finden. Sie sind klar im Vorteil, denn die Dummheit ist, wie Robert Musil sagt, »allseitig beweglich und kann alle Kleider der Wahrheit anziehen. Die Wahrheit dagegen hat jeweils nur ein Kleid und einen Weg und ist immer im Nachteil[10]

und die Wahrheit bleibt auf der Strecke

Als Donald Trumps Beraterin Kellyanne Conway von Alternativen Fakten sprach, tat sie der Menschheit einen großen Dienst. Schuf sie doch einen selbstentlarvenden Begriff, die Vokabel für einen sich schon seit langem vollziehenden Prozess: die Opferung alles Vernünftigen auf den Altären der Irrationalität. Die Gegenaufklärung, die sich seit zwei Jahrhunderten ein hartes Gefecht mit den Jüngern der Vernunft liefert, sieht einem großartigen Sieg entgegen, den auch diese Selbstentlarvung nicht aufhalten wird..

Das Groteske dabei: in bestem Orwellschen Doppeldenk berufen sich gerade jene auf die Aufklärung, die deren wichtigste Prinzipien über Bord werfen möchten. Als Werte ihrer „neuen Aufklärung“ gelten: Absolute Wahrheit, Selbstgerechtigkeit, Alternativlosigkeit. Man kann sagen, so fest wie heute war der Glaube an die absolute Wahrheit seit den Zeiten der Heiligen Inquisition nicht mehr. Selbst die Chefideologen der DDR mussten schmunzeln bei der Parole »Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist.« Wahrheit kann man nicht postulieren, sie muss sich erweisen. Große Teile der Lehre von Marx haben sich als wahr erwiesen, eine damit verbundene Allmacht ist nicht festzustellen. Man könnte sogar sagen: je mehr sie sich als wahr erwies, desto energischer wurde ihre Macht gebrochen.

Im Gegensatz dazu konnten Religionen ihre Allmacht entwickeln, ohne sich auch nur im Ansatz als wahr erweisen zu müssen. Das ist kein Widerspruch, im Gegenteil: es ist das Erfolgsrezept. Religion gibt ihren Anhängern das Gefühl, einer absoluten Wahrheit zu folgen, einer Wahrheit, die sich nicht erst durch Forschung und Debatte mühsam bestätigen muss. Sie kommt dem sehnlichsten Wunsch vieler Menschen entgegen, vermittelt ihnen das Gefühl:

Es gibt eine Wahrheit.
Es gibt ein Richtig und ein Falsch – und ich bin Richtig!

Und überhaupt: welche Macht wäre daran interessiert, der Wahrheit – einer objektiven Wahrheit – auf die Sprünge zu helfen? Robert Spaemann sagte: »Herrschaft der Wahrheit ist die einzige Alternative zur Herrschaft von Menschen über Menschen.«[11] Herrschaft der Wahrheit würde also den Mächtigen die Basis entziehen. Sie würden dann nämlich nicht mehr ziehen, ihre Dogmen, z.B.: Wir brauchen Wachstum! Wie ließe sich diese Parole aufrecht erhalten, wenn Wahrheit sich durchsetzte? Die Antwort würde dann lauten: Was ist Wachstum? Immer mehr Dinge produzieren, die wir nicht brauchen, für die erst ein Bedarf erfunden werden muss? Die unsere Ressourcen aufzehren und unsere Umwelt kollabieren lassen? Wenn wir immer teurere Verwaltungsgebäude bauen, dann ist das keine Verschwendung – nein, nach der Logik der Ökonomie bringt das Wachstum. Wenn die Elbphilharmonie zehnmal so viel kostet wie geplant, bringt das Wachstum. Wenn die Hochwasserschäden von Jahr zu Jahr zunehmen und wir reparieren sie, dann bringt das ebenfalls Wachstum. Wenn wir den Wald pflastern würden … – all das bringt Wachstum, aber es sagt nichts darüber aus, wie sinnvoll das Ganze ist. – Solche Antworten wären tödlich für das System. Die Inhaber von Macht brauchen also Menschen, die das für die Wahrheit halten, »was ersichtlich stark geglaubt wird.« (Nietzsche)[12] Deshalb wird gebetsmühlenartig wiederholt: Wir brauchen Wachstum. Wachstum schafft Arbeitsplätze.

Frustrierend ist nur, dass wir gegen dieses Phänomen so gar nichts ausrichten können. Wie Schiller sagte: »Mit der Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens.«

Ja, die Wahrheit ist am Absaufen, und immer öfter auch meine Motivation.


[1] Sebastian Herrmann „Die Wahrheit säuft in unserer Diskussionkultur ab“ Süddeutsche Zeitung 03.03.2018

[2] zit. nach: Renate Michaelis „Entwicklung einer Dialogkultur“ Vortrag 01.12.2006

[3] ebenda

[4] Hermann Kant „Kommen und Gehen“ in: „Eine Übertretung“ Berlin: Rütten & Loening 1975

[5] zit. nach Wikipedia „Diskursbegriff“

[6] Arthur Schopenhauer „Aphorismen“

[7] nach Angaben von Erhard Eppler in „Was Sie da vorhaben, wäre ja eine Revolution“ München: oekom 2016

[8] nach Angaben von Jürgen Kuczynski in „Kurze Bilanz eines langen Lebens“ Berlin: Elefanten Press 1991

[9] Jürgen Habermas: „Aus naher Entfernung“ in: „Im Sog der Technokratie“ Berlin: Suhrkamp 2013

[10] Robert Musil „Über die Dummheit“

[11] Robert Spaemann „Wahrheit spricht mit leiser Stimme“ Kölner Stadtanzeiger 12.06.2008

[12] Friedrich Nietzsche „Menschliches, Allzumenschliches“

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