Archiv der Kategorie: Gutes Leben

Aufbrechen!

„Kapitalismus aufbrechen! – In so viele Teilchen aufbrechen wie möglich, die Brüche tiefer und weiter treiben, vervielfachen, und dafür sorgen, dass sich die Bruchlinien verbinden.“

Mit seinem Buch „Crack Capitalism“ hatte John Holloway eine wichtige Botschaft ausgegeben: „dass wir auf die große Revolution nicht warten können, dass wir hier und jetzt anfangen müssen, etwas anderes zu schaffen.(deutsche Ausgabe: „Kapitalismus aufbrechen“ Verlag Westfälisches Dampfboot 2010)

An dieser Stelle sollen die Ideen von John Holloway etwas näher beleuchtet und mit den Ansätzen anderer Autoren verglichen werden. Seine anschauliche Metapher von der Eisfläche, die über dem “See der Möglichkeiten” liegt, erzeugt von der Kälte des Systems, hat uns berührt. Wir wollten zu denen gehören, die NEIN rufen, “so laut, dass das Eis aufzubrechen beginnt.” Doch wir haben auch erfahren, dass die Brüche im Eis immer wieder zufrieren, wenn sie nur vereinzelt auftreten. Wenn sich aber ganz viele NEIN-Rufer rund um den See versammeln, wenn die von ihnen erzeugten  Risse zusammenlaufen und sich verbinden, dann bilden sie immer machtvollere Bruchlinien. Aufbrechen! weiterlesen

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Wer erzählt Wem die Visionen?

Auf Blog Postwachstum erschien ein Beitrag von Astrid Glaesel unter dem Titel „Visionen erzählen und Utopien leben“[i].  Die Autorin geht besonders auf die fehlenden Visionen bei der politischen Linken ein und stellt fest: „Es gibt sie, die Visionen. Sie müssen nur erzählt, diskutiert und vor allem gelebt werden.“ Der Beitrag strahlt Begeisterung aus, Engagement für eine Debatte, der sich unsere Gesellschaft stellen muss. Allerdings wird eine konkrete Frage nicht gestellt: Wer erzählt die Visionen, und wem werden sie wie erzählt? Wer erzählt Wem die Visionen? weiterlesen

Kauft und fresst gegen den Exportüberschuss!

Wieder mal haben unsere Handelspartner versucht, die Kanzlerin in die Zange zu nehmen. Donald Trump ist angefressen, weil die Importe aus der EU, vor allem aus Deutschland, von Monat zu Monat steigen, und er droht mit Handelskrieg. Diese Drohkulisse nimmt Macron zum Anlass, in das gleiche Horn zu stoßen, auch ihm ist die deutsche Stärke ein Dorn im Auge, nur sagen darf er das nicht so unverhohlen. Deshalb schiebt er Sorge um den Welthandelsfrieden vor, und, wie ein Schulkind, das verspricht, nun endlich seine Hausaufgaben zu machen, bekundet Angela Merkel wieder mal ihren guten Willen, den Exportüberschuss abzubauen.

Natürlich ist das ein billiges Ritual, von dem nur die Beteiligten annehmen, dass der Andere es nicht durchschaut. Dennoch: allein die Zusicherung, man werde „versuchen, zu Hause mehr zu konsumieren, um die Kritik zu mildern“ (OT Tagesschau) sollte uns wütend machen. Wie wäre es denn mit WENIGER? Weniger Exporte würden das Außenhandelsdefizit nämlich auch verringern, und zwar auf einem Weg, der zukunftsfähig ist: ressourcensparend, umweltschonend, Gutes Leben fördernd.

Aber nicht doch, die Kanzlerin belehrt uns eines Besseren: „Wenn der Binnenkonsum angeregt ist, haben wir natürlich auch mehr Anreize für Importe, von denen dann auch wieder andere Länder profitieren können.“ – Also gib dir Mühe: kauf wieder mal einen Sack Wegwerfklamotten. Gönn dir die Harley, von der du seit den Sechzigern träumst. Bestell dir argentinische Steaks und südafrikanischen Wein, dazu Mineralwasser aus der Arktis, damit das alles auch Stil bekommt. Ein schlechtes Gewissen brauchst du deswegen nicht zu haben, du verhinderst damit den drohenden Handelskrieg.

Nein, es hätte dieser erneuten Offenbarung des Wachstumsdogmas nicht bedurft. Aber seien wir Frau Merkel dankbar für die wunderbare Illustration des Zwecks modernen Konsums: dass es nicht um die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse geht, sondern darum, dass immer mehr produziert werden kann.

Aufklärungsexport – FREIHEIT, gleichheit, brüderlichkeit?

Die jüngsten Bürgerproteste pro und contra PEGIDA, die Auseinandersetzung mit Terror, religiösem Fanatismus und Intoleranz, haben in den letzten Monaten den Ruf nach einer neuen, einer globalen Aufklärung vielstimmig werden lassen. Zwei Fragen treten dabei zutage: haben wir die Ideen der alten Aufklärung überhaupt verwirklicht und, wenn ja, können wir sie in andere Teile der Welt exportieren?

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TTIP – Du willst es doch auch!

TTIP bewegt die Gemüter.  „ Wir werden verraten und verkauft an die Konzerninteressen!“, so hallt es aus allen Lagern. Doch bei der Diskussion über Produktstandards und Schiedsgerichte wird aus den Augen verloren, dass dieses Abkommen zuallererst ein Ziel hat: Wachstum und neue Märkte. Ja, das ist das Argument der Befürworter, und es mag leicht fallen, es als Totschlagargument zu bezeichnen, dennoch läuft alles auf die eine Frage hinaus: Wollt ihr das totale Wachstum? TTIP – Du willst es doch auch! weiterlesen

Ivan Illich und die Selbstbegrenzung

Irgendwann in den kommenden Jahren beabsichtige ich, einen Nachruf auf das industrielle Zeitalter zu schreiben. Ich möchte den Umfang der Mutationen zeigen, die Sprache, Recht Mythen und Riten dieser Epoche beeinflusst haben, in der Massen-Menschen für Massen-Produkte geschult wurden. Ich möchte ein Bild vom Niedergang der industriellen Produktionsweise und von der Metamorphose der durch sie hervorgebrachten Berufe und Dienstleistungen nachzeichnen. Ivan Illich (1973)

Als Ivan Illich dies schrieb, war er 47 Jahre alt und hatte offenbar die Erwartung, das Ende der Industriegesellschaft noch zu erleben. Warum erscheint uns das heute so absurd? Während der Arbeit an seinem Buch „Tools for Conviviality“ stand Illich unter dem Eindruck prägnanter Ereignisse, die auf umwälzende gesellschaftliche Veränderungen hindeuteten. 1972 war der erste Meadows-Bericht an den Club of Rome erschienen, nach dessen Erkenntnissen ein weiteres industrielles Wachstum ausgeschlossen schien. Parallel dazu hatten die Studentenbewegungen in der gesamten westlichen Welt einen umfassenden Moral- und Wertewandel angeschoben, und die damit verbundene Kapitalismuskritik schien unversöhnlich. Heute wissen wir: die 68er haben sich recht schnell mit dem System arrangiert, und die Apokalypse, die der Meadows-Bericht prophezeite, blieb aus. Doch so, wie die „Selbstheilungskräfte“ der Industriegesellschaft zu dieser Zeit unterschätzt wurden, so werden sie heute größtenteils überschätzt. Die Probleme, vor denen die Menschheit steht, lassen Ivan Illichs Gedankengut so aktuell wie nie zuvor erscheinen. il

 Ivan Illich (* 4. September 1926 in Wien; † 2. Dezember 2002 in Bremen) war ein österreichisch-amerikanischer Autor, Philosoph, Theologe und katholischer Priester. Nach seiner Priesterweihe war Illich im Vatikan tätig. 1960 gründete er das Südamerika-Institut Centro Intercultural de Documentación in Cuernavaca, Mexiko. Wegen seiner radikalen Ansichten fiel er bei der katholischen Kirche in Ungnade. Nach einem Konflikt mit dem Papst legte Illich seine Priesterschaft nieder.

Illich gehörte – gemeinsam mit André Gorz, Jochen Steffen und Ernst Ulrich von Weizsäcker – zum Beraterkreis des damaligen Magazins Technologie und Politik und war Gastprofessor in Kassel, Marburg, Oldenburg und in Bremen.
(Quelle: Wikipedia)

Die deutsche Ausgabe von „Tools for Conviviality“ erschien 1974 bei Rowohlt unter dem Titel „Selbstbegrenzung. Eine politische Kritik der Technik“ [i]. Nach den Worten des Autors ist es der Versuch, das Konzept eines „multidimensionalen Gleichgewichts des menschlichen Lebens“ zu entwerfen. Um dieses Gleichgewicht zu erhalten, dürfen gewisse Schwellen und Schranken nicht überschritten werden. Ivan Illich und die Selbstbegrenzung weiterlesen