Archiv der Kategorie: Literatur

Aufbrechen!

Kapitalismus aufbrechen! – In so viele Teilchen aufbrechen wie möglich, die Brüche tiefer und weiter treiben, vervielfachen, und dafür sorgen, dass sich die Bruchlinien verbinden.

«Kapitalismus aufbrechen!»
Rosa-Luxemburg-Stiftung 2011 (Lizenz CC BY 2.0)

Mit seinem Buch „Crack Capitalism“ hatte John Holloway eine wichtige Botschaft ausgegeben: „dass wir auf die große Revolution nicht warten können, dass wir hier und jetzt anfangen müssen, etwas anderes zu schaffen.(deutsche Ausgabe: „Kapitalismus aufbrechen“ Verlag Westfälisches Dampfboot 2010)

An dieser Stelle sollen die Ideen von John Holloway etwas näher beleuchtet und mit den Ansätzen anderer Autoren verglichen werden. Seine anschauliche Metapher von der Eisfläche, die über dem “See der Möglichkeiten” liegt, erzeugt von der Kälte des Systems, hat uns berührt. Wir wollten zu denen gehören, die NEIN rufen, “so laut, dass das Eis aufzubrechen beginnt.” Doch wir haben auch erfahren, dass die Brüche im Eis immer wieder zufrieren, wenn sie nur vereinzelt auftreten. Wenn sich aber ganz viele NEIN-Rufer rund um den See versammeln, wenn die von ihnen erzeugten  Risse zusammenlaufen und sich verbinden, dann bilden sie immer machtvollere Bruchlinien.

Holloway hat zwei wichtige Thesen aufgestellt:

  • Wir können nicht auf die große Revolution warten, sie scheint ohnehin eine Illusion zu sein. Mit Bezug auf historische Erfahrungen stellt er die Frage: »Waren es Danton und Robespierre, oder die Tausenden unbesungenen und vielleicht eher langweiligen Bürger, die einfach anfingen, anders zu produzieren und nach anderen Maßstäben und Werten zu leben?« Und kommt zu dem Schluss, dass »die revolutionäre Ersetzung des einen Systems durch ein anderes System weder möglich noch wünschenswert ist.

Radikal kann die Welt nur durch eine Vielfalt von Bewegungen in den Fugen und Zwischenräumen dieser Welt verändert werden.«

  • Menschen, die sich zu radikaler Änderung ihrer Lebensweise entschließen, sind eine sehr kleine Minderheit. Sie können unter Umständen tiefe Scharten und Löcher in der Eisfläche verursachen, aber wegen ihres vereinzelten Auftretens frieren die rasch wieder zu. »Gesellschaftsveränderung wird nicht von Aktivisten herbeigeführt, so wichtig (oder unwichtig) Aktivismus im gesellschaftlichen Vorgang auch sein mag.

Gesellschaftsveränderung ist vielmehr das Ergebnis kaum sichtbarer Transformationen der alltäglichen Tätigkeiten von Millionen Leuten.«


Herbert_Marcuse_in_Newton,_Massachusetts_1955
Foto: Marcuse family, Lizenz: GFDL

Ein ähnliches Bild zeichnet Herbert Marcuse, gut vierzig Jahre vor Holloway. Sein 1965 erschienener Essay „Repressive Toleranz“ [i] gilt bis heute als eine der gehaltvollsten Arbeiten zu Fragen von Toleranz und Widerstand. Dort weist er auf die Bedeutung der vielen kleinen Brüche hin:

»So kann das Durchbrechen des falschen Bewusstseins den archimedischen Punkt liefern für eine umfassendere Emanzipation – an einer allerdings unendlich kleinen Stelle, aber von der Erweiterung solcher kleinen Stellen hängt die Chance einer Änderung ab.«


Köln, SPD-Parteitag, Eppler

Es ist sicher nicht nötig, hier zu begründen, warum es mit Wachstum und Konsum so nicht weitergehen kann. Wer auf diese Website gelangt ist, weiß das und hat innerlich bereits eine Entscheidung getroffen. Ihm stellt sich aber vielleicht die Frage, warum so wenige Menschen zu einer ähnlichen Einsicht gelangen. Es dauert alles so furchtbar lange!
Etwa zeitgleich mit Marcuse glaubte Erhard Eppler[ii] feststellen zu können:

»Es gibt un­zählige Menschen, die das Gefühl haben, ihr Lebensstil entspre­che nicht mehr den Notwendigkeiten unserer Zeit. Jetzt begin­nen sie sich zu sammeln und zu Wort zu melden.«

Er hoffte, dass dadurch die Politik genötigt würde, auf die brennenden Fragen der Zeit zu reagieren. Diese Hoffnung war verfrüht; das Sammeln mag ja in Teilbereichen stattgefunden haben, aber nicht in dem Maße, dass man es als Ausdruck breiten Umdenkens werten könnte.


Miegel
Foto: Heinrich-Böll-Stiftung (Lizenz CC BY-SA 3.0)

Die Schwierigkeit ist, den Menschen die Notwendigkeit des Umsteuerns klar zu machen, weil sich das System, wie  Meinhard Miegel in einem bemerkenswerten Beitrag[iii] schreibt, »in den Hirnen und Herzen von mittlerweile Milliarden von Menschen eingenistet hat und deren Denken, Handeln und Fühlen von Grund auf prägt. Diese Menschen mögen den Kapitalismus nicht lieben, möglicherweise verachten oder hassen sie ihn sogar. Aber sie können und wollen nicht von ihm lassen

Doch Miegel sieht Hoffnung: »Denn auch wenn die Gelehrten darüber streiten, ob der Mensch einen freien Willen hat, ist er doch nicht Sklave der von ihm selbst geschaffenen Ordnungen. Insoweit gilt für den Kapitalismus Ähnliches wie für den Krieg:

Stell dir vor, es ist Kapitalismus, aber keiner lebt seinen Maximen.

Das wäre sein Ende. Ein wirklichkeitsferner Traum? Vielleicht. Aber wenn es nicht gelingt, die tief verinnerlichten „kapitalistischen“ Denk-, Gefühls- und Handlungsmuster zu überwinden, können die Menschen noch so viel am System  herumschrauben – sie werden keines ihrer Probleme lösen.«


355px-Roemerberggespraeche-2011-ffm-harald-welzer-095
Foto: Dontworry, Lizenz CC-BY SA 3.0

Besonders gründlich und lebensbezogen hat Harald Welzer die Problematik des individuellen Widerstands erörtert. [iv] Dabei stellt er das aktive Element, das Selbst tun in den Vordergrund, denn » keine soziale Bewegung überzeugt ihre Anhänger und Gegner durch Belehrung oder wissenschaftliche Beweisführung […] Das gelingt tatsächlich nur praktisch, nie appellativ. Nie, indem diejenigen, die Teil des Falschen sind, anderen mitteilen, was jetzt gut zu tun wäre. Anders gesagt: Es gelingt nur durch praktiziertes Nichteinverstandensein.[…] Es muss etwas gegen das Bestehende gesetzt werden, als Gegenmodell, Vorbild, Vorschlag, Labor. Nur durch die Reibung an einer anderen, gelingenden Praxis verliert er seine Geschmeidigkeit, der Kapitalismus.«
Die Hürden dafür sind hoch, denn:

»Menschen können zwischen ihr Wissen und ihr Handeln Abgründe von der Dimension des Marianengrabens legen und haben nicht das geringste Problem damit, die eklatantesten Widersprüche mühelos zu integrieren und im Alltag zu leben.«

Wenn man nicht gleich Erfolge sieht, keine Anerkennung erfährt, wird es unendlich schwer, den Weg fortzusetzen, zumal er einem ja doch gewisse Opfer abverlangt. »Das gute Leben muss man leider auch gegen sich selbst erkämpfen, gegen die Trägheit des Gewohnten, des gefühlten Menschenrechts auf »bitte immer so weiter«. Wenn es um Widerstand geht, bedeutet das immer auch: Widerstand gegen sich selbst.«
Wichtig, weil Hoffnung spendend, ist Welzers Erkenntnis, dass die von relativ kleinen Keimzellen ausgehenden Bewegungen auf die breite Gesellschaft übergreifen können. »Man braucht daher auch keine Mehrheiten, um Gesellschaften zu verändern; andere kulturelle Modelle und Praktiken diffundieren dann in die Gesamtgesellschaft, wenn sie von Minderheiten in allen relevanten gesellschaftlichen Schichten getragen werden. Drei bis fünf Prozent der Bevölkerung reichen unter dieser Voraussetzung, um einen tiefgreifenden und nachhaltigen gesellschaftlichen Wandel in Gang zu setzen.«


Konstantin_Wecker
Foto: Usien , Lizenz: CC0 1.0

Deshalb ist es wichtig, dass solche Keimzellen entstehen, dass es gelingt, Ansätze paralleler Gesellschaften zu entwickeln, »aus der kranken Logik des Imperiums herausgesprengte Gegenwelten«. Diese starke Metapher stammt aus dem „Aufruf zur Revolte“. [v] Konstantin Wecker und Prinz Chaos II erkennen, dass die Assimilationskraft des Kapitalismus für jegliches Widerstandspotential sehr groß ist. Der einzige Ansatzpunkt ist, so utopisch das auch klingen mag, der Kapitalherrschaft allmählich den Nährboden zu entziehen. Das gestaltet sich aber schwierig, weil der Kapitalismus »unser höchstpersönliches Innen entdeckt, unser Gefühlsleben, unsere Träume und Ängste, die er besetzt, kolonisiert und seiner Verwertungslogik unterwirft.« Wenn wir uns jedoch dieser Kolonisierung verweigern, geht dem System der Brennstoff aus. Und mal ehrlich: die Perspektive, die uns das System bietet, ist doch selbst im günstigsten Fall nur die des Knechtes.

»Denn Handlanger bleiben sie, auswechselbare Klicksklaven der wahren Macht der Monopole, in welche Elitestellung sie sich auch hineinfantasieren.«


Also lasst uns beginnen, Alternativen zu entdecken und zu leben. »Was wir wirklich und schlussendlich wollen, sind gesellschaftliche Bindungen, die auf Vertrauen, Solidarität, Großzügigkeit, Schenken beruhen«, sagt John Holloway und umreißt damit exakt den Rahmen, in dem sich der tägliche Widerstand abspielen kann.


[i] Herbert Marcuse „Repressive Toleranz“ in Robert Paul Wolff u.a. „Kritik der reinen Toleranz“ , Frankfurt: Suhrkamp 1966 (online verfügbar)

[ii] Erhard Eppler: „Ende oder Wende. Von der Machbarkeit des Notwendigen“ dtv München 1975

[iii] Meinhard Miegel: „Die unerwiderte Liebe der Menschen zum Kapitalismus“ FAZ 17.08.2014

[iv] Harald Welzer „Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand“ Frankfurt: S.Fischer 2013

[v] Konstantin Wecker, Prinz Chaos II : „Aufruf zur Revolte“ Gütersloher Verlagshaus 2013

Advertisements

„Ende oder Wende“ – neu betrachtet

Erhard Eppler über die Machbarkeit des Notwendigen

In die erste Hälfte der siebziger Jahre fällt eine historische Zäsur, deren Tiefe erst in einigem Abstand sichtbar werden wird. Die Menschheit ist auf Grenzen gestoßen, von denen sie zumindest in den zwei Jahrhunderten zuvor nichts wusste oder wissen wollte.

Mit diesen Worten beginnt das vor vierzig Jahren erschienene Buch „Ende oder Wende. Von der Machbarkeit des Notwendigen“ von Erhard Eppler.[1] „Ende oder Wende“ – neu betrachtet weiterlesen

Herbert Marcuse und die eindimensionale Gesellschaft

Wir leben und sterben rational und produktiv. Wir wissen, dass Zerstörung der Preis des Fortschritts ist wie der Tod der Preis des Lebens, dass Versagung und Mühe die Vorbedingungen für Genuss und Freude sind, dass die Geschäfte weiter gehen müssen und die Alternativen utopisch sind. Diese Ideologie gehört zum bestehenden Gesellschaftsapparat; sie ist für sein beständiges Funktionieren erforderlich und ein Teil seiner Rationalität. Herbert Marcuse (1964)

Vor genau 50 Jahren erschien “The One-Dimensional Man. Studies in the Ideology of Advanced Industrial Society”. Herbert Marcuse und die eindimensionale Gesellschaft weiterlesen

Ivan Illich und die Selbstbegrenzung

Irgendwann in den kommenden Jahren beabsichtige ich, einen Nachruf auf das industrielle Zeitalter zu schreiben. Ich möchte den Umfang der Mutationen zeigen, die Sprache, Recht Mythen und Riten dieser Epoche beeinflusst haben, in der Massen-Menschen für Massen-Produkte geschult wurden. Ich möchte ein Bild vom Niedergang der industriellen Produktionsweise und von der Metamorphose der durch sie hervorgebrachten Berufe und Dienstleistungen nachzeichnen. Ivan Illich (1973)

Als Ivan Illich dies schrieb, war er 47 Jahre alt und hatte offenbar die Erwartung, das Ende der Industriegesellschaft noch zu erleben. Warum erscheint uns das heute so absurd? Während der Arbeit an seinem Buch „Tools for Conviviality“ stand Illich unter dem Eindruck prägnanter Ereignisse, die auf umwälzende gesellschaftliche Veränderungen hindeuteten. 1972 war der erste Meadows-Bericht an den Club of Rome erschienen, nach dessen Erkenntnissen ein weiteres industrielles Wachstum ausgeschlossen schien. Parallel dazu hatten die Studentenbewegungen in der gesamten westlichen Welt einen umfassenden Moral- und Wertewandel angeschoben, und die damit verbundene Kapitalismuskritik schien unversöhnlich. Heute wissen wir: die 68er haben sich recht schnell mit dem System arrangiert, und die Apokalypse, die der Meadows-Bericht prophezeite, blieb aus. Doch so, wie die „Selbstheilungskräfte“ der Industriegesellschaft zu dieser Zeit unterschätzt wurden, so werden sie heute größtenteils überschätzt. Die Probleme, vor denen die Menschheit steht, lassen Ivan Illichs Gedankengut so aktuell wie nie zuvor erscheinen. il

 Ivan Illich (* 4. September 1926 in Wien; † 2. Dezember 2002 in Bremen) war ein österreichisch-amerikanischer Autor, Philosoph, Theologe und katholischer Priester. Nach seiner Priesterweihe war Illich im Vatikan tätig. 1960 gründete er das Südamerika-Institut Centro Intercultural de Documentación in Cuernavaca, Mexiko. Wegen seiner radikalen Ansichten fiel er bei der katholischen Kirche in Ungnade. Nach einem Konflikt mit dem Papst legte Illich seine Priesterschaft nieder.

Illich gehörte – gemeinsam mit André Gorz, Jochen Steffen und Ernst Ulrich von Weizsäcker – zum Beraterkreis des damaligen Magazins Technologie und Politik und war Gastprofessor in Kassel, Marburg, Oldenburg und in Bremen.
(Quelle: Wikipedia)

Die deutsche Ausgabe von „Tools for Conviviality“ erschien 1974 bei Rowohlt unter dem Titel „Selbstbegrenzung. Eine politische Kritik der Technik“ [i]. Nach den Worten des Autors ist es der Versuch, das Konzept eines „multidimensionalen Gleichgewichts des menschlichen Lebens“ zu entwerfen. Um dieses Gleichgewicht zu erhalten, dürfen gewisse Schwellen und Schranken nicht überschritten werden. Ivan Illich und die Selbstbegrenzung weiterlesen