Was tun wir hier?

Auf breiter Front wird die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft in Frage gestellt. Philosophen, Soziologen, Klimaforscher, Naturwissenschaftler – alle sind sich seit langem einig: so kann es nicht weitergehen. Man hört ihnen zu und – macht weiter.

Was tut ein Autofahrer, der sich verfahren hat? Er hält an und sucht nach dem richtigen Weg. Doch die Gesellschaft tritt aufs Gaspedal und hofft, doch noch irgendwie ans Ziel zu gelangen. Die erste Frage auf der Suche nach dem Weg wäre doch: Wie soll eigentlich unsere Zukunft aussehen?

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ZukunftsAspekte will versuchen, den zukunftsbestimmenden Dingen auf den Grund zu gehen. Dieser Blog will Vordenkern Platz bieten, aber auch denen, die bereits Zukunft praktizieren.

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Es folgen die Beiträge, nach Erscheinungsdatum geordnet. Ganz unten können Sie nach Kategorien und Schlagworten filtern.

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Aufbrechen!

Kapitalismus aufbrechen! – In so viele Teilchen aufbrechen wie möglich, die Brüche tiefer und weiter treiben, vervielfachen, und dafür sorgen, dass sich die Bruchlinien verbinden.

«Kapitalismus aufbrechen!»
Rosa-Luxemburg-Stiftung 2011 (Lizenz CC BY 2.0)

Mit seinem Buch „Crack Capitalism“ hatte John Holloway eine wichtige Botschaft ausgegeben: „dass wir auf die große Revolution nicht warten können, dass wir hier und jetzt anfangen müssen, etwas anderes zu schaffen.(deutsche Ausgabe: „Kapitalismus aufbrechen“ Verlag Westfälisches Dampfboot 2010)

An dieser Stelle sollen die Ideen von John Holloway etwas näher beleuchtet und mit den Ansätzen anderer Autoren verglichen werden. Seine anschauliche Metapher von der Eisfläche, die über dem “See der Möglichkeiten” liegt, erzeugt von der Kälte des Systems, hat uns berührt. Wir wollten zu denen gehören, die NEIN rufen, “so laut, dass das Eis aufzubrechen beginnt.” Doch wir haben auch erfahren, dass die Brüche im Eis immer wieder zufrieren, wenn sie nur vereinzelt auftreten. Wenn sich aber ganz viele NEIN-Rufer rund um den See versammeln, wenn die von ihnen erzeugten  Risse zusammenlaufen und sich verbinden, dann bilden sie immer machtvollere Bruchlinien.

Holloway hat zwei wichtige Thesen aufgestellt:

  • Wir können nicht auf die große Revolution warten, sie scheint ohnehin eine Illusion zu sein. Mit Bezug auf historische Erfahrungen stellt er die Frage: »Waren es Danton und Robespierre, oder die Tausenden unbesungenen und vielleicht eher langweiligen Bürger, die einfach anfingen, anders zu produzieren und nach anderen Maßstäben und Werten zu leben?« Und kommt zu dem Schluss, dass »die revolutionäre Ersetzung des einen Systems durch ein anderes System weder möglich noch wünschenswert ist.

Radikal kann die Welt nur durch eine Vielfalt von Bewegungen in den Fugen und Zwischenräumen dieser Welt verändert werden.«

  • Menschen, die sich zu radikaler Änderung ihrer Lebensweise entschließen, sind eine sehr kleine Minderheit. Sie können unter Umständen tiefe Scharten und Löcher in der Eisfläche verursachen, aber wegen ihres vereinzelten Auftretens frieren die rasch wieder zu. »Gesellschaftsveränderung wird nicht von Aktivisten herbeigeführt, so wichtig (oder unwichtig) Aktivismus im gesellschaftlichen Vorgang auch sein mag.

Gesellschaftsveränderung ist vielmehr das Ergebnis kaum sichtbarer Transformationen der alltäglichen Tätigkeiten von Millionen Leuten.«


Herbert_Marcuse_in_Newton,_Massachusetts_1955
Foto: Marcuse family, Lizenz: GFDL

Ein ähnliches Bild zeichnet Herbert Marcuse, gut vierzig Jahre vor Holloway. Sein 1965 erschienener Essay „Repressive Toleranz“ [i] gilt bis heute als eine der gehaltvollsten Arbeiten zu Fragen von Toleranz und Widerstand. Dort weist er auf die Bedeutung der vielen kleinen Brüche hin:

»So kann das Durchbrechen des falschen Bewusstseins den archimedischen Punkt liefern für eine umfassendere Emanzipation – an einer allerdings unendlich kleinen Stelle, aber von der Erweiterung solcher kleinen Stellen hängt die Chance einer Änderung ab.«


Köln, SPD-Parteitag, Eppler

Es ist sicher nicht nötig, hier zu begründen, warum es mit Wachstum und Konsum so nicht weitergehen kann. Wer auf diese Website gelangt ist, weiß das und hat innerlich bereits eine Entscheidung getroffen. Ihm stellt sich aber vielleicht die Frage, warum so wenige Menschen zu einer ähnlichen Einsicht gelangen. Es dauert alles so furchtbar lange!
Etwa zeitgleich mit Marcuse glaubte Erhard Eppler[ii] feststellen zu können:

»Es gibt un­zählige Menschen, die das Gefühl haben, ihr Lebensstil entspre­che nicht mehr den Notwendigkeiten unserer Zeit. Jetzt begin­nen sie sich zu sammeln und zu Wort zu melden.«

Er hoffte, dass dadurch die Politik genötigt würde, auf die brennenden Fragen der Zeit zu reagieren. Diese Hoffnung war verfrüht; das Sammeln mag ja in Teilbereichen stattgefunden haben, aber nicht in dem Maße, dass man es als Ausdruck breiten Umdenkens werten könnte.


Miegel
Foto: Heinrich-Böll-Stiftung (Lizenz CC BY-SA 3.0)

Die Schwierigkeit ist, den Menschen die Notwendigkeit des Umsteuerns klar zu machen, weil sich das System, wie  Meinhard Miegel in einem bemerkenswerten Beitrag[iii] schreibt, »in den Hirnen und Herzen von mittlerweile Milliarden von Menschen eingenistet hat und deren Denken, Handeln und Fühlen von Grund auf prägt. Diese Menschen mögen den Kapitalismus nicht lieben, möglicherweise verachten oder hassen sie ihn sogar. Aber sie können und wollen nicht von ihm lassen

Doch Miegel sieht Hoffnung: »Denn auch wenn die Gelehrten darüber streiten, ob der Mensch einen freien Willen hat, ist er doch nicht Sklave der von ihm selbst geschaffenen Ordnungen. Insoweit gilt für den Kapitalismus Ähnliches wie für den Krieg:

Stell dir vor, es ist Kapitalismus, aber keiner lebt seinen Maximen.

Das wäre sein Ende. Ein wirklichkeitsferner Traum? Vielleicht. Aber wenn es nicht gelingt, die tief verinnerlichten „kapitalistischen“ Denk-, Gefühls- und Handlungsmuster zu überwinden, können die Menschen noch so viel am System  herumschrauben – sie werden keines ihrer Probleme lösen.«


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Foto: Dontworry, Lizenz CC-BY SA 3.0

Besonders gründlich und lebensbezogen hat Harald Welzer die Problematik des individuellen Widerstands erörtert. [iv] Dabei stellt er das aktive Element, das Selbst tun in den Vordergrund, denn » keine soziale Bewegung überzeugt ihre Anhänger und Gegner durch Belehrung oder wissenschaftliche Beweisführung […] Das gelingt tatsächlich nur praktisch, nie appellativ. Nie, indem diejenigen, die Teil des Falschen sind, anderen mitteilen, was jetzt gut zu tun wäre. Anders gesagt: Es gelingt nur durch praktiziertes Nichteinverstandensein.[…] Es muss etwas gegen das Bestehende gesetzt werden, als Gegenmodell, Vorbild, Vorschlag, Labor. Nur durch die Reibung an einer anderen, gelingenden Praxis verliert er seine Geschmeidigkeit, der Kapitalismus.«
Die Hürden dafür sind hoch, denn:

»Menschen können zwischen ihr Wissen und ihr Handeln Abgründe von der Dimension des Marianengrabens legen und haben nicht das geringste Problem damit, die eklatantesten Widersprüche mühelos zu integrieren und im Alltag zu leben.«

Wenn man nicht gleich Erfolge sieht, keine Anerkennung erfährt, wird es unendlich schwer, den Weg fortzusetzen, zumal er einem ja doch gewisse Opfer abverlangt. »Das gute Leben muss man leider auch gegen sich selbst erkämpfen, gegen die Trägheit des Gewohnten, des gefühlten Menschenrechts auf »bitte immer so weiter«. Wenn es um Widerstand geht, bedeutet das immer auch: Widerstand gegen sich selbst.«
Wichtig, weil Hoffnung spendend, ist Welzers Erkenntnis, dass die von relativ kleinen Keimzellen ausgehenden Bewegungen auf die breite Gesellschaft übergreifen können. »Man braucht daher auch keine Mehrheiten, um Gesellschaften zu verändern; andere kulturelle Modelle und Praktiken diffundieren dann in die Gesamtgesellschaft, wenn sie von Minderheiten in allen relevanten gesellschaftlichen Schichten getragen werden. Drei bis fünf Prozent der Bevölkerung reichen unter dieser Voraussetzung, um einen tiefgreifenden und nachhaltigen gesellschaftlichen Wandel in Gang zu setzen.«


Konstantin_Wecker
Foto: Usien , Lizenz: CC0 1.0

Deshalb ist es wichtig, dass solche Keimzellen entstehen, dass es gelingt, Ansätze paralleler Gesellschaften zu entwickeln, »aus der kranken Logik des Imperiums herausgesprengte Gegenwelten«. Diese starke Metapher stammt aus dem „Aufruf zur Revolte“. [v] Konstantin Wecker und Prinz Chaos II erkennen, dass die Assimilationskraft des Kapitalismus für jegliches Widerstandspotential sehr groß ist. Der einzige Ansatzpunkt ist, so utopisch das auch klingen mag, der Kapitalherrschaft allmählich den Nährboden zu entziehen. Das gestaltet sich aber schwierig, weil der Kapitalismus »unser höchstpersönliches Innen entdeckt, unser Gefühlsleben, unsere Träume und Ängste, die er besetzt, kolonisiert und seiner Verwertungslogik unterwirft.« Wenn wir uns jedoch dieser Kolonisierung verweigern, geht dem System der Brennstoff aus. Und mal ehrlich: die Perspektive, die uns das System bietet, ist doch selbst im günstigsten Fall nur die des Knechtes.

»Denn Handlanger bleiben sie, auswechselbare Klicksklaven der wahren Macht der Monopole, in welche Elitestellung sie sich auch hineinfantasieren.«


Also lasst uns beginnen, Alternativen zu entdecken und zu leben. »Was wir wirklich und schlussendlich wollen, sind gesellschaftliche Bindungen, die auf Vertrauen, Solidarität, Großzügigkeit, Schenken beruhen«, sagt John Holloway und umreißt damit exakt den Rahmen, in dem sich der tägliche Widerstand abspielen kann.


[i] Herbert Marcuse „Repressive Toleranz“ in Robert Paul Wolff u.a. „Kritik der reinen Toleranz“ , Frankfurt: Suhrkamp 1966 (online verfügbar)

[ii] Erhard Eppler: „Ende oder Wende. Von der Machbarkeit des Notwendigen“ dtv München 1975

[iii] Meinhard Miegel: „Die unerwiderte Liebe der Menschen zum Kapitalismus“ FAZ 17.08.2014

[iv] Harald Welzer „Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand“ Frankfurt: S.Fischer 2013

[v] Konstantin Wecker, Prinz Chaos II : „Aufruf zur Revolte“ Gütersloher Verlagshaus 2013

Wer erzählt Wem die Visionen?

Auf Blog Postwachstum erschien ein Beitrag von Astrid Glaesel unter dem Titel „Visionen erzählen und Utopien leben“[i].  Die Autorin geht besonders auf die fehlenden Visionen bei der politischen Linken ein und stellt fest: „Es gibt sie, die Visionen. Sie müssen nur erzählt, diskutiert und vor allem gelebt werden.“ Der Beitrag strahlt Begeisterung aus, Engagement für eine Debatte, der sich unsere Gesellschaft stellen muss. Allerdings wird eine konkrete Frage nicht gestellt: Wer erzählt die Visionen, und wem werden sie wie erzählt? Wer erzählt Wem die Visionen? weiterlesen

Zukunftsszenarien können in Bewegung bringen

Matthias Jung hat auf seinem sehr lesenswerten Blog über Sinn und Unsinn von Zukunftsszenarien nachgedacht:

Geschichte will erzählt werden. Im Blick auf Vergangenheit ist uns das selbstverständlich und vertraut, wir erzählen vom letzten Wochenende oder Urlaub, von der Geburt des Enkelkindes oder allen möglichen Krankheiten. Aber auch im Blick auf Zukunft erzählen wir Geschichte(n), wir formulieren Hoffnungen und Erwartungen. Und aus eigener Erfahrung wissen wir doch alle, dass wir unsere persönlichen Geschichten so oder so erzählen, mit verschiedenen Untertönen oder Färbungen. Wir haben Interessen und Absichten. Wie dem aber auch sei: Im Blick auf Zukunft macht das Spielen mit Möglichkeiten mehr Spaß oder Freude und motiviert eher zum Handeln als schier unabänderliche Horrorszenarien.“

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Kauft und fresst gegen den Exportüberschuss!

Wieder mal haben unsere Handelspartner versucht, die Kanzlerin in die Zange zu nehmen. Donald Trump ist angefressen, weil die Importe aus der EU, vor allem aus Deutschland, von Monat zu Monat steigen, und er droht mit Handelskrieg. Diese Drohkulisse nimmt Macron zum Anlass, in das gleiche Horn zu stoßen, auch ihm ist die deutsche Stärke ein Dorn im Auge, nur sagen darf er das nicht so unverhohlen. Deshalb schiebt er Sorge um den Welthandelsfrieden vor, und, wie ein Schulkind, das verspricht, nun endlich seine Hausaufgaben zu machen, bekundet Angela Merkel wieder mal ihren guten Willen, den Exportüberschuss abzubauen.

Natürlich ist das ein billiges Ritual, von dem nur die Beteiligten annehmen, dass der Andere es nicht durchschaut. Dennoch: allein die Zusicherung, man werde „versuchen, zu Hause mehr zu konsumieren, um die Kritik zu mildern“ (OT Tagesschau) sollte uns wütend machen. Wie wäre es denn mit WENIGER? Weniger Exporte würden das Außenhandelsdefizit nämlich auch verringern, und zwar auf einem Weg, der zukunftsfähig ist: ressourcensparend, umweltschonend, Gutes Leben fördernd.

Aber nicht doch, die Kanzlerin belehrt uns eines Besseren: „Wenn der Binnenkonsum angeregt ist, haben wir natürlich auch mehr Anreize für Importe, von denen dann auch wieder andere Länder profitieren können.“ – Also gib dir Mühe: kauf wieder mal einen Sack Wegwerfklamotten. Gönn dir die Harley, von der du seit den Sechzigern träumst. Bestell dir argentinische Steaks und südafrikanischen Wein, dazu Mineralwasser aus der Arktis, damit das alles auch Stil bekommt. Ein schlechtes Gewissen brauchst du deswegen nicht zu haben, du verhinderst damit den drohenden Handelskrieg.

Nein, es hätte dieser erneuten Offenbarung des Wachstumsdogmas nicht bedurft. Aber seien wir Frau Merkel dankbar für die wunderbare Illustration des Zwecks modernen Konsums: dass es nicht um die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse geht, sondern darum, dass immer mehr produziert werden kann.

Ein Volk der guten Nachbarn?

Wir waren gesegnet mit der Gnade der Geburt in der Nachkriegszeit. Unsere Eltern hatten einen Konsens: Nie wieder Krieg! Und sie hatten eine Zuversicht: Es wird uns besser gehen!

Nun blicke ich auf unsere Kinder und frage mich, wie sie wohl ihre Situation beurteilen. Ob wohl auch sie eines Tages ihre Geburt als Gnade verstehen werden? Der Optimismus, den wir von unseren Eltern empfingen, ist heute schwer auszumachen, schon gar nicht, wenn es um Friedens- und Wohlstandssicherung geht.

Was die Eltern durchgemacht hatten, prägte unser Wertebewusstsein. Auch wenn sich die Politik rasch ihres pazifistischen Schwurs entledigte, in den Köpfen der Menschen blieb er bestehen, und es war das Wichtigste, was sie uns an Erfahrung mitgaben: Krieg ist die schrecklichste Sache, die man sich vorstellen kann.

Albrecht Müller hat auf den NachDenkSeiten über den Wandel dieses Bewusstseins und des daraus resultierenden Handelns in Politik und Gesellschaft geschrieben. Sein Beitrag spricht mir aus der Seele. Bitte unbedingt lesen!

Vom Absaufen der Wahrheit.

Dialog, Disput und Polemik in unserer Zeit

Hier ist nicht Moskau.
Nicht Despotenfurcht schnürt hier die freie Seele zu.
Hier darf die Wahrheit wandeln mit erhabenem Haupt.

So lässt Friedrich Schiller im Demetrius einen Patrioten schwadronieren. Geschrieben vor über 200 Jahren, doch die Wortwahl und das Prinzip, die Wahrheit für sich zu reklamieren, könnten von heute sein.

Sebastian Herrmann schrieb in der Süddeutschen Zeitung einen Kommentar, der die aktuelle Situation sehr treffend charakterisiert.[1] Es wäre doch wichtig, so sagt er, über die wahnsinnig großen Herausforderungen unserer Zeit eine gesamtgesellschaftliche Diskussion zu führen, den Menschen Erkenntnisse und Forschungsergebnisse zu erklären, die sie der Wahrheit näher bringen. Doch dies sei unter der gegenwärtigen Debattenkultur ein Ding der Unmöglichkeit.

… und wer in diesem Klima ein nüchternes Argument in den Raum stellt, über das die Zuhörer auch noch etwas nachdenken müssen, kann gleich stumm bleiben: Im besten Fall hört ihm niemand zu, im schlimmsten Fall fühlt sich jemand auf die Füße getreten und dann regen sich wieder alle auf. Vom Absaufen der Wahrheit. weiterlesen

Widerstand gegen wen?

(zuerst erschienen auf der Freitag)

Es ist recht still geworden in der Freitags-Community. Das sapere aude! weicht jetzt häufiger dem quo vadis? – und das ist beileibe keine rhetorische Frage, die üblicherweise gestellt wird, wenn man die Antwort zu kennen glaubt – nein, man kennt sie nicht, man weiß nicht, wohin die Reise gehen soll.

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Am Anfang war die Antwort 

Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn

… und begann so mit der unseligen Methode, die Antwort zu geben, bevor die Fragen gestellt sind. Vielleicht wäre ja ein Mensch – nicht nach seinem Bilde – besser für die Welt gewesen. Aber danach fragte er nicht; die Antwort stand schon fest: etwas Besseres als mich kann es nicht geben. Und so ging wohl auch besagte Methode auf den Menschen über.

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Wir sind das System

„Wir sind das Volk!“ Das wird gern proklamiert, besonders von jenen, die nun wirklich nicht für sich in Anspruch nehmen können, das Volk zu repräsentieren.

„Wir sind das Volk“ vermittelt etwas Positives, Kämpferisches: man stellt klar, dass sich die Politik in bestimmten Fragen vom Willen des Volkes entfernt, und dass man sich das nicht mehr gefallen lassen will.

Nun stellen wir uns kurz vor, es gibt irgendwo eine Demonstration gegen die Auswüchse des kapitalistischen Systems, und da formt sich eine Gegendemo, deren Teilnehmer rufen:

Wir sind das System!

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Bundespräsident bittet um ein Wunder

Der Bundespräsident hat eine wichtige Rede gehalten. Er hat darin alles benannt, was im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise von Bedeutung ist. Aber zu spät – zu spät für die Politik und zu spät für die Gesellschaft.

»Unsere Aufnahmekapazität ist begrenzt, auch wenn noch nicht ausgehandelt ist, wo diese Grenzen liegen. Aus all dem folgt für mich: Wir brauchen gründliche Analysen und eine breite gesellschaftliche Debatte darüber, wie wir eine humane Aufnahmepolitik und eine gesellschaftliche Aufnahmebereitschaft auch in Zukunft sichern können. […] In dieser Situation habe ich eine dringende Bitte: dass sich die Besorgten und die Begeisterten nicht gegenseitig denunzieren und bekämpfen, sondern sich im konstruktiven Dialog begegnen.«

Wann hätte es in den letzten vier Jahrzehnten in Deutschland je einen solchen Dialog gegeben? Wie soll der aussehen, wie funktionieren? Gewiss nicht per facebook-post bei „Hart aber Fair“. Weder die Erfahrungen noch das Handwerkszeug sind vorhanden. Gewiss, wir haben einen Jürgen Habermas, den Mitbegründer der Diskursethik, und in seinem Gefolge tausende ausgebildeter Philosophen und Soziologen, die theoretisch wüssten, wie es geht. Aber in praxi? Für einen gesamtgesellschaftlichen Dialog wären ja nicht einmal begriffliche Voraussetzungen geschaffen, denn selbst über so substanzielle Termini wie Toleranz oder Kompromiss herrscht keinerlei Klarheit, wie die diffusen Debatten der letzten Monate zeigen. Die mit der Hinwendung zum Neoliberalismus vollzogene Abkehr des Staates vom ethisch-moralischen Diskurs hat unwiederbringlich verlorengehen lassen, was jetzt als Grundlage eines konstruktiven Dialogs nötig wäre. Denn ohne ein gemeinsames Werteverständnis kann man sich weder auf den Verhandlungsrahmen noch auf die Ziele eines solchen Dialogs verständigen.

Die Wiederbelebung der Wertedebatte würde vermutlich ebenso lange dauern wie ihr Niedergang. Insofern fürchte ich, dass dieser Appell des Bundespräsidenten der Bitte um ein Wunder gleichkommt.

 

Freude, schnöder Götzen Funkeln. Klassiker-Stimmen zur Europawahl

Sorgenwolken ziehen auf am politischen Horizont Europas. Es geht um die Wahlbeteiligung bei der Europawahl, die seit 1979 konstant gesunken ist und nun droht, gegen Null zu driften. Höchste Zeit, nach Integrationsfiguren zu suchen, die bereit sind, für ihre Ideale in den Wahlkampf zu ziehen. – Klaus Fürst reist zur Buchmesse nach Leipzig und hat dort Gelegenheit, mit einigen glühenden Europäern zu sprechen.

Ich schlendere durch die Gänge der Ausstellung und sehe mich nach prominenten Autoren um, die ich für meine Pläne gewinnen kann.

Aber da ist ja Friedrich Schiller!
Herr Schiller, seit Sie die Hymne für Europa schrieben, hat sich viel ereignet. Sicher sind Sie glücklich, dass der Traum von einem geeinten Kontinent in greifbare Nähe gerückt ist.

So lange aber der oberste Grundsatz der Staaten von einem empörenden Egoismus zeugt, und solange die Tendenz der Staatsbürger nur auf das physische Wohlsein beschränkt ist, so lange, fürchte ich, wird die politische Regeneration, die man so nahe glaubte, nichts als ein schöner philosophischer Traum bleiben. Freude, schnöder Götzen Funkeln. Klassiker-Stimmen zur Europawahl weiterlesen

„Ende oder Wende“ – neu betrachtet

Erhard Eppler über die Machbarkeit des Notwendigen

In die erste Hälfte der siebziger Jahre fällt eine historische Zäsur, deren Tiefe erst in einigem Abstand sichtbar werden wird. Die Menschheit ist auf Grenzen gestoßen, von denen sie zumindest in den zwei Jahrhunderten zuvor nichts wusste oder wissen wollte.

Mit diesen Worten beginnt das vor vierzig Jahren erschienene Buch „Ende oder Wende. Von der Machbarkeit des Notwendigen“ von Erhard Eppler.[1] „Ende oder Wende“ – neu betrachtet weiterlesen

Futur III und Disperfekt – vermasselte Zukunft durch ignorierte Vergangenheit

Auf breiter Front wird die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft in Frage gestellt. Philosophen, Soziologen, Klimaforscher, Naturwissenschaftler – alle sind sich seit langem einig: so kann es nicht weitergehen. Man hört ihnen zu und – macht weiter.

Was tut ein Autofahrer, wenn er merkt, dass er sich verfahren hat? Er hält an und sucht nach dem richtigen Weg. Doch die Gesellschaft tritt aufs Gaspedal und hofft, doch noch irgendwie ans Ziel zu gelangen. Die erste Frage auf der Suche nach dem Weg wäre doch: Wie soll eigentlich unsere Zukunft aussehen? – In früheren Zeitaltern gab es dazu klare Vorstellungen, die stets in der Zuversicht, zumindest aber in der Hoffnung mündeten: Unseren Kindern soll es mal besser gehen. Heute sind wir von solch einem Optimismus weit entfernt, nicht zuletzt weil unsere Vorstellungswelt beschädigt ist. Futur III und Disperfekt – vermasselte Zukunft durch ignorierte Vergangenheit weiterlesen

Aufklärungsexport – FREIHEIT, gleichheit, brüderlichkeit?

Die jüngsten Bürgerproteste pro und contra PEGIDA, die Auseinandersetzung mit Terror, religiösem Fanatismus und Intoleranz, haben in den letzten Monaten den Ruf nach einer neuen, einer globalen Aufklärung vielstimmig werden lassen. Zwei Fragen treten dabei zutage: haben wir die Ideen der alten Aufklärung überhaupt verwirklicht und, wenn ja, können wir sie in andere Teile der Welt exportieren?

Aufklärungsexport – FREIHEIT, gleichheit, brüderlichkeit? weiterlesen

Herbert Marcuse und die eindimensionale Gesellschaft

Wir leben und sterben rational und produktiv. Wir wissen, dass Zerstörung der Preis des Fortschritts ist wie der Tod der Preis des Lebens, dass Versagung und Mühe die Vorbedingungen für Genuss und Freude sind, dass die Geschäfte weiter gehen müssen und die Alternativen utopisch sind. Diese Ideologie gehört zum bestehenden Gesellschaftsapparat; sie ist für sein beständiges Funktionieren erforderlich und ein Teil seiner Rationalität. Herbert Marcuse (1964)

Vor genau 50 Jahren erschien “The One-Dimensional Man. Studies in the Ideology of Advanced Industrial Society”. Herbert Marcuse und die eindimensionale Gesellschaft weiterlesen

TTIP – Du willst es doch auch!

TTIP bewegt die Gemüter.  „ Wir werden verraten und verkauft an die Konzerninteressen!“, so hallt es aus allen Lagern. Doch bei der Diskussion über Produktstandards und Schiedsgerichte wird aus den Augen verloren, dass dieses Abkommen zuallererst ein Ziel hat: Wachstum und neue Märkte. Ja, das ist das Argument der Befürworter, und es mag leicht fallen, es als Totschlagargument zu bezeichnen, dennoch läuft alles auf die eine Frage hinaus: Wollt ihr das totale Wachstum? TTIP – Du willst es doch auch! weiterlesen