Was tun wir hier?

Auf breiter Front wird die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft in Frage gestellt. Philosophen, Soziologen, Klimaforscher, Naturwissenschaftler – alle sind sich seit langem einig: so kann es nicht weitergehen. Man hört ihnen zu und – macht weiter.

Was tut ein Autofahrer, der sich verfahren hat? Er hält an und sucht nach dem richtigen Weg. Doch die Gesellschaft tritt aufs Gaspedal und hofft, doch noch irgendwie ans Ziel zu gelangen. Die erste Frage auf der Suche nach dem Weg wäre doch: Wie soll eigentlich unsere Zukunft aussehen?

Wir waren jene.

 

ZukunftsAspekte will versuchen, den zukunftsbestimmenden Dingen auf den Grund zu gehen. Dieser Blog will Vordenkern Platz bieten, aber auch denen, die bereits Zukunft praktizieren.

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Es folgen die Beiträge, nach Erscheinungsdatum geordnet. Ganz unten können Sie nach Kategorien und Schlagworten filtern.

Cancel Culture im Sächsischen Landtag – ist das die Zukunft?

Feierstunde zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit im Sächsischen Landtag. Zum Festredner wurde der frühere DDR-Bürgerrechtler und seither ununterbrochen für die CDU in Landtag und Bundestag vertretene Abgeordnete Arnold Vaatz bestimmt.

Die Fraktionen von SPD, LINKE und GRÜNE hatten zum Boykott der Veranstaltung aufgerufen, und in treuem Gehorsam blieben sämtliche Abgeordnete der Feierstunde fern. Vielleicht schien es auch verlockender, diesen spätsommerlichen Feiertag im Garten oder bei  einem Spaziergang zu verbringen.

Ich kenne Arnold Vaatz nicht, habe ihn in der politischen Debatte nie wahrgenommen. Deshalb möchte ich an dieser Stelle auch gar nichts zu seiner Person sagen. Wer mehr über ihn wissen möchte, sei auf dieses ZEIT-Interview verwiesen. Es genügt festzustellen: Vaatz ist kein Extremist, er hat nie gegen Fremde gehetzt oder die freiheitlich-demokratische Grundordnung in Frage gestellt. Dies hätte einen Boykott seiner Rede legitimiert. Was er gelegentlich fordert, ist eine ehrliche, ergebnisoffene Debatte über Zukunftsfragen unserer Gesellschaft. Und er hat manchmal eine andere Meinung zu Dingen, über die man nach Ansicht der Ferngebliebenen keine andere Meinung haben darf.

Linksfraktionschef Gebhardt sagte zur Rechtfertigung des Boykotts. „Wir hatten keine andere Möglichkeit, unseren Protest auszudrücken, als fernzubleiben. Auch das ist eine demokratische Meinungsbekundung.“

Nein, ist es nicht. Man hätte den Applaus verweigern können. Man hätte hinterher mit Vaatz diskutieren können. Aber dafür hätte man in Kauf nehmen müssen, was den Ferngebliebenen unerträglich schien: sie hätten dem Andersdenkenden zuhören müssen. Ohne dazwischenpoltern zu dürfen. Und da hört es ja nun ganz auf!

Als jemand, dessen Herz links schlägt, muss ich mit Befremden feststellen, dass es wieder mal ein links-grünes Bündnis ist, das diesen Akt bockiger Intoleranz vollzieht, und damit denen in die Hände spielt, die daraus das Schreckgespenst systematischen Gesinnungsterrors zeichnen, um rechtsradikalen Thesen den Anstrich von Grundrechtsverteidigung zu geben.

Vor allem aber ist es Abschiednahme vom kultivierten Umgang miteinander. Cancel Culture bedeutet nicht nur das Bashing und das Ausladen missliebiger Künstler. Es bedeutet in erster Linie eine Absage an die Debattenkultur und damit einen Angriff auf die Grundlage jeglicher Kultur.

Wenn Satire die Seiten wechselt

Was darf Satire? Kurt Tucholsky beantwortete diese Frage vor 100 Jahren mit „Alles„, und ich habe ihm bisher stets recht gegeben. Doch nun muss ich eine Ausnahme hinzufügen. Eine Ausnahme, die mir all die Jahrzehnte, in denen ich mich mit Satire befasse, nie erwähnenswert schien: Satire darf sich nicht den Mächtigen andienen.
Eine Ausnahme, die sicher auch Tucholsky als zu selbstverständlich erschienen wäre. Aber in unserer Zeit bröckeln viele alte Selbstverständlichkeiten. Kabarett nahm stets die Fehler und Schwächen der Mächtigen und Mehrheiten ins Visier. In diesen Tagen beobachten wir einen perfiden Seitenwechsel: auf Minderheiten, Widerständler, Andersdenkende werden nun die Pfeile abgeschossen. Sicher gibt es unter denen auch Leute, die es verdient haben. Das rechtfertigt aber nicht die systematische Abkehr von der eigentlichen Aufgabe der Satire.

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Abenddämmerung oder Morgendämmerung? Heute wie vor hundert Jahren

Geschichte wiederholt sich nicht.
Geschichte wiederholt sich doch!

Dieser Streit ist beinahe so populär wie der um die Frage nach dem Primären: Henne oder Ei, Sein oder Bewusstsein. Ob sich Geschichte wiederholt – die Frage ist müßig. Was sich stets wiederholt, ist das Verhalten von Menschen in vergleichbaren Situationen, unabhängig von der Epoche, in der sie leben. Dies wird einem aber nur bewusst dank derer, die dieses Verhalten zu ihrer Zeit dokumentiert haben. Einer von ihnen war Kurt Tucholsky. Die folgenden Textauszüge stammen aus dem Jahr 1920. Urteilen Sie selbst, wie wenig sich in hundert Jahren geändert hat und wie vieles immer wieder kommt.  

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Ein Leben in Hysterie ist möglich, aber sinnlos!

US-Politiker will Senioren in Corona-Krise opfern“, titelt die Bild. Und das „Neue Deutschland“ steht dem in nichts nach: „Der Republikaner Dan Patrick will, dass Alte in der Coronakrise für ihr Enkel sterben“. – Symptomatisch für unsere Medien: man zitiert nicht, was jemand gesagt hat, sondern was er damit gesagt hat. – Was Patrick wirklich sagte, war dies: „Wir werden in unserer Gesellschaft einen totalen Zusammenbruch, eine Rezession, eine Depression erleben, wenn dies noch einige Monate andauert. Meine Botschaft ist: Lasst uns an die Arbeit gehen, lasst uns wieder leben. Lasst uns klug sein, und wir, die wir über 70 Jahre alt sind, wir passen selbst auf uns auf. Aber opfert nicht das Land.“ (stern.de) Dies ist nichts als eine rationale Betrachtung und hat nichts mit Inhumanität zu tun. Denn wie viele Menschenleben ein Wirtschaftskollaps kosten würde (in dessen Folge auch die Gesundheitssysteme zusammenbrechen) ist völlig unabsehbar. Doch rationale Gedanken sind im Zeitalter der Emotionalität unerwünscht.

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Beginnt die Revolte?

Als Konstantin Wecker und Prinz Chaos 2013 ihren „Aufruf zur Revolte“ veröffentlichten, verhallte der recht leise. Ein Baustein war er allemal, ein Baustein zu dem, was jetzt Wirklichkeit werden könnte.

Nach Fridays for Future kommt mit Extinction Rebellion jetzt eine Protestbewegung nach Deutschland, die schon am Start das Potential zu Großem erkennen lässt. Warum, das erläutert Peter Nowak auf Telepolis sehr plausibel. Auch das kurze Video, das bei Reuters zu sehen ist, vermittelt die Hoffnung, dass diese Bewegung die Fehler der Alt-Revoluzzer – Ideologisierung und Gewaltanwendung – nicht wiederholt. Wir dürfen gespannt sein.

Bildnachweis: Julia Hawkins , CC BY 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0)

Wie ich mir Politiker wünsche. Der Anschlag von Christchurch und seine Bewältigung

Die Betroffenheit nach dem Terroranschlag von Christchurch wich sehr schnell der Bewunderung für eine Frau, eine Politikerin. Die Neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern zeigte, wie eine souveräne Gesellschaft mit solchen Akten von Hass und Gewalt umgehen muss. Aus allen Teilen der Welt und aus allen Schichten kommt Hochachtung für ihr Auftreten und ihr Krisenmanagement. Nur von Seiten unserer Spitzenpolitiker vernimmt man diese offene Bewunderung nicht. Fühlen Sie die eigenen Defizite, wenn sie sehen, wie man es richtig macht?

Warum ist Arderns Botschaft so glaubwürdig?  Als geradezu ikonisches Bild wird ihr Auftritt mit Kopftuch bei einem Treffen mit muslimischen Hinterbliebenen gewertet. Warum unterscheidet sich dieses Bild in seiner Ausstrahlung so grundsätzlich von den Bildern, auf denen unsere Politiker demonstrativ Kippa tragen? Warum wirkt keines von denen so glaubwürdig? Ich weiß es nicht.

Wie sich der Stil einer von Humanität dominierten Persönlichkeit vom Politprofi-Stil hierzulande unterscheidet, zeigt sich am besten in Arderns Rede vor dem Parlament [i] am 19. März. Die üblichen Floskeln von Trauer und Bestürzung, mit der man den Anschlag auf das Schärfste verurteilt, finden sich hier nicht. Und das aus gutem Grund: sie sind hohl, nichtssagend. Jacinda Ardern benennt stattdessen die Menschen, die vor Ort waren, die ums Leben kamen, die ihr eigenes Leben einsetzten, um den Verbrecher zu überwältigen. Mit keinem Wort aber benennt sie den Verbrecher selbst. Sie erhebt ihn nicht in den Rang einer Person, eines Mitmenschen. Sie verleiht dieser Kreatur kein Gesicht. Durch die Nichtnennung des Namens wird er zu dem klassifiziert, was er ist: ein UNmensch.

Der Täter hat mit seinem Terrorakt mehrere Ziele verfolgt. Eines davon war, berühmt zu werden. Und das ist, warum Sie niemals seinen Namen aus meinem Mund hören werden. Er ist ein Terrorist. Er ist ein Verbrecher. Er ist ein Extremist. Aber er wird, wenn ich spreche, namenlos bleiben. Ich appelliere an Sie alle: Nennen Sie die Namen der Opfer. Nicht den Namen jenes Mannes, der ihnen das Leben geraubt hat. Er wollte zur Legende werden. Aber wir in Neuseeland werden ihm nichts geben. Nicht einmal seinen Namen.

Ardern kündigte auch eine Überprüfung der Waffengesetze an. Aber anders als in Amerika oder Deutschland, wo diesen Ankündigungen nie Taten folgen, werden in Neuseeland bereits 6 Tage später Sturmgewehre und halbautomatische Waffen verboten.

Das Bild, das Jacinda Ardern zeichnet, wenn sie von einer offenen Gesellschaft spricht, wird von allen Menschen verstanden, denn es ist von einem Menschen gezeichnet, nicht von einem Politiker.

Wir sind eine Nation von 200 Ethnien und 160 Sprachen. Wir öffnen unsere Türen für andere und heißen sie willkommen. Und das einzige, was sich nach den Ereignissen vom Freitag ändern muss, ist, dass diese Tür allen, die Hass und Angst befürworten, verschlossen bleiben muss.

Sie sagt nicht: „Der Islam gehört zu Neuseeland.“ Sie sagt: „Wir sind eins, sie sind wir.“


[i] Wortlaut der Rede auf Englisch und auf Deutsch

Bildnachweis: Kirk Hargreaves [CC BY 4.0]

Ziviler Ungehorsam – eine Hoffnung für die Zukunft

Dieser Tage gehen Schüler und Studenten auf die Straße, um gegen die Tatenlosigkeit der Politik beim Klimaschutz zu protestieren. Wir werden diese Aktionen aufmerksam verfolgen. In diesem Beitrag soll auf eine ganz wesentliche Seite dieser Proteste eingegangen werden. Die Proteste werden ganz bewusst während der Unterrichtszeit abgehalten. Dies ist ein Verstoß gegen die Schulpflicht, und diese Form von zivilem Ungehorsam verleiht den Aktionen erst die entsprechende Wirkung.

Wir haben seit vielen Jahren keine breiten Aktionen mehr erlebt, die von zivilem Ungehorsam begleitet sind. Deshalb soll der Begriff, der in der öffentlichen Debatte gern verwässert wird, an dieser Stelle einmal analysiert werden.

Die Menschheitsgeschichte begann mit einem Akt des Ungehorsams, und es ist nicht unwahrscheinlich, dass sie mit einem Akt des Gehorsams ihr Ende finden wird.
Erich Fromm

Ungehorsam hat die Antipode Gehorsam, die uns als Ausgangspunkt dienen soll. Erich Fromm hat sich in seinen Werken immer wieder mit diesem Thema auseinandergesetzt, explizit in dem Essay „Über den Ungehorsam“ [1] Zur Zeit dessen Erscheinens war die Gefahr eines alles vernichtenden Atomkrieges akute Realität, und Fromm befürchtete:

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Aufbrechen!

„Kapitalismus aufbrechen! – In so viele Teilchen aufbrechen wie möglich, die Brüche tiefer und weiter treiben, vervielfachen, und dafür sorgen, dass sich die Bruchlinien verbinden.“

Mit seinem Buch „Crack Capitalism“ hatte John Holloway eine wichtige Botschaft ausgegeben: „dass wir auf die große Revolution nicht warten können, dass wir hier und jetzt anfangen müssen, etwas anderes zu schaffen.(deutsche Ausgabe: „Kapitalismus aufbrechen“ Verlag Westfälisches Dampfboot 2010)

An dieser Stelle sollen die Ideen von John Holloway etwas näher beleuchtet und mit den Ansätzen anderer Autoren verglichen werden. Seine anschauliche Metapher von der Eisfläche, die über dem “See der Möglichkeiten” liegt, erzeugt von der Kälte des Systems, hat uns berührt. Wir wollten zu denen gehören, die NEIN rufen, “so laut, dass das Eis aufzubrechen beginnt.” Doch wir haben auch erfahren, dass die Brüche im Eis immer wieder zufrieren, wenn sie nur vereinzelt auftreten. Wenn sich aber ganz viele NEIN-Rufer rund um den See versammeln, wenn die von ihnen erzeugten  Risse zusammenlaufen und sich verbinden, dann bilden sie immer machtvollere Bruchlinien. Aufbrechen! weiterlesen

Wer erzählt Wem die Visionen?

Auf Blog Postwachstum erschien ein Beitrag von Astrid Glaesel unter dem Titel „Visionen erzählen und Utopien leben“[i].  Die Autorin geht besonders auf die fehlenden Visionen bei der politischen Linken ein und stellt fest: „Es gibt sie, die Visionen. Sie müssen nur erzählt, diskutiert und vor allem gelebt werden.“ Der Beitrag strahlt Begeisterung aus, Engagement für eine Debatte, der sich unsere Gesellschaft stellen muss. Allerdings wird eine konkrete Frage nicht gestellt: Wer erzählt die Visionen, und wem werden sie wie erzählt? Wer erzählt Wem die Visionen? weiterlesen

Zukunftsszenarien können in Bewegung bringen

Matthias Jung hat auf seinem sehr lesenswerten Blog über Sinn und Unsinn von Zukunftsszenarien nachgedacht:

Geschichte will erzählt werden. Im Blick auf Vergangenheit ist uns das selbstverständlich und vertraut, wir erzählen vom letzten Wochenende oder Urlaub, von der Geburt des Enkelkindes oder allen möglichen Krankheiten. Aber auch im Blick auf Zukunft erzählen wir Geschichte(n), wir formulieren Hoffnungen und Erwartungen. Und aus eigener Erfahrung wissen wir doch alle, dass wir unsere persönlichen Geschichten so oder so erzählen, mit verschiedenen Untertönen oder Färbungen. Wir haben Interessen und Absichten. Wie dem aber auch sei: Im Blick auf Zukunft macht das Spielen mit Möglichkeiten mehr Spaß oder Freude und motiviert eher zum Handeln als schier unabänderliche Horrorszenarien.“

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Kauft und fresst gegen den Exportüberschuss!

Wieder mal haben unsere Handelspartner versucht, die Kanzlerin in die Zange zu nehmen. Donald Trump ist angefressen, weil die Importe aus der EU, vor allem aus Deutschland, von Monat zu Monat steigen, und er droht mit Handelskrieg. Diese Drohkulisse nimmt Macron zum Anlass, in das gleiche Horn zu stoßen, auch ihm ist die deutsche Stärke ein Dorn im Auge, nur sagen darf er das nicht so unverhohlen. Deshalb schiebt er Sorge um den Welthandelsfrieden vor, und, wie ein Schulkind, das verspricht, nun endlich seine Hausaufgaben zu machen, bekundet Angela Merkel wieder mal ihren guten Willen, den Exportüberschuss abzubauen.

Natürlich ist das ein billiges Ritual, von dem nur die Beteiligten annehmen, dass der Andere es nicht durchschaut. Dennoch: allein die Zusicherung, man werde „versuchen, zu Hause mehr zu konsumieren, um die Kritik zu mildern“ (OT Tagesschau) sollte uns wütend machen. Wie wäre es denn mit WENIGER? Weniger Exporte würden das Außenhandelsdefizit nämlich auch verringern, und zwar auf einem Weg, der zukunftsfähig ist: ressourcensparend, umweltschonend, Gutes Leben fördernd.

Aber nicht doch, die Kanzlerin belehrt uns eines Besseren: „Wenn der Binnenkonsum angeregt ist, haben wir natürlich auch mehr Anreize für Importe, von denen dann auch wieder andere Länder profitieren können.“ – Also gib dir Mühe: kauf wieder mal einen Sack Wegwerfklamotten. Gönn dir die Harley, von der du seit den Sechzigern träumst. Bestell dir argentinische Steaks und südafrikanischen Wein, dazu Mineralwasser aus der Arktis, damit das alles auch Stil bekommt. Ein schlechtes Gewissen brauchst du deswegen nicht zu haben, du verhinderst damit den drohenden Handelskrieg.

Nein, es hätte dieser erneuten Offenbarung des Wachstumsdogmas nicht bedurft. Aber seien wir Frau Merkel dankbar für die wunderbare Illustration des Zwecks modernen Konsums: dass es nicht um die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse geht, sondern darum, dass immer mehr produziert werden kann.

Ein Volk der guten Nachbarn?

Wir waren gesegnet mit der Gnade der Geburt in der Nachkriegszeit. Unsere Eltern hatten einen Konsens: Nie wieder Krieg! Und sie hatten eine Zuversicht: Es wird uns besser gehen!

Nun blicke ich auf unsere Kinder und frage mich, wie sie wohl ihre Situation beurteilen. Ob wohl auch sie eines Tages ihre Geburt als Gnade verstehen werden? Der Optimismus, den wir von unseren Eltern empfingen, ist heute schwer auszumachen, schon gar nicht, wenn es um Friedens- und Wohlstandssicherung geht.

Was die Eltern durchgemacht hatten, prägte unser Wertebewusstsein. Auch wenn sich die Politik rasch ihres pazifistischen Schwurs entledigte, in den Köpfen der Menschen blieb er bestehen, und es war das Wichtigste, was sie uns an Erfahrung mitgaben: Krieg ist die schrecklichste Sache, die man sich vorstellen kann.

Albrecht Müller hat auf den NachDenkSeiten über den Wandel dieses Bewusstseins und des daraus resultierenden Handelns in Politik und Gesellschaft geschrieben. Sein Beitrag spricht mir aus der Seele. Bitte unbedingt lesen!

Vom Absaufen der Wahrheit.

Dialog, Disput und Polemik in unserer Zeit

Hier ist nicht Moskau.
Nicht Despotenfurcht schnürt hier die freie Seele zu.
Hier darf die Wahrheit wandeln mit erhabenem Haupt.

So lässt Friedrich Schiller im Demetrius einen Patrioten schwadronieren. Geschrieben vor über 200 Jahren, doch die Wortwahl und das Prinzip, die Wahrheit für sich zu reklamieren, könnten von heute sein.

Sebastian Herrmann schrieb in der Süddeutschen Zeitung einen Kommentar, der die aktuelle Situation sehr treffend charakterisiert.[1] Es wäre doch wichtig, so sagt er, über die wahnsinnig großen Herausforderungen unserer Zeit eine gesamtgesellschaftliche Diskussion zu führen, den Menschen Erkenntnisse und Forschungsergebnisse zu erklären, die sie der Wahrheit näher bringen. Doch dies sei unter der gegenwärtigen Debattenkultur ein Ding der Unmöglichkeit.

… und wer in diesem Klima ein nüchternes Argument in den Raum stellt, über das die Zuhörer auch noch etwas nachdenken müssen, kann gleich stumm bleiben: Im besten Fall hört ihm niemand zu, im schlimmsten Fall fühlt sich jemand auf die Füße getreten und dann regen sich wieder alle auf. Vom Absaufen der Wahrheit. weiterlesen

Widerstand gegen wen?

(zuerst erschienen auf der Freitag)

Es ist recht still geworden in der Freitags-Community. Das sapere aude! weicht jetzt häufiger dem quo vadis? – und das ist beileibe keine rhetorische Frage, die üblicherweise gestellt wird, wenn man die Antwort zu kennen glaubt – nein, man kennt sie nicht, man weiß nicht, wohin die Reise gehen soll.

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Am Anfang war die Antwort 

Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn

… und begann so mit der unseligen Methode, die Antwort zu geben, bevor die Fragen gestellt sind. Vielleicht wäre ja ein Mensch – nicht nach seinem Bilde – besser für die Welt gewesen. Aber danach fragte er nicht; die Antwort stand schon fest: etwas Besseres als mich kann es nicht geben. Und so ging wohl auch besagte Methode auf den Menschen über.

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Wir sind das System

„Wir sind das Volk!“ Das wird gern proklamiert, besonders von jenen, die nun wirklich nicht für sich in Anspruch nehmen können, das Volk zu repräsentieren.

„Wir sind das Volk“ vermittelt etwas Positives, Kämpferisches: man stellt klar, dass sich die Politik in bestimmten Fragen vom Willen des Volkes entfernt, und dass man sich das nicht mehr gefallen lassen will.

Nun stellen wir uns kurz vor, es gibt irgendwo eine Demonstration gegen die Auswüchse des kapitalistischen Systems, und da formt sich eine Gegendemo, deren Teilnehmer rufen:

Wir sind das System!

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